Alle an Bord! Noa Aharony und die Notwendigkeit des "Web 2.0" in den LIS-Curricula.

Donnerstag, 10. Juli 2008


Anmerkungen zu:
Aharony, Noa (2008): Web 2.0 in U.S. LIS Schools: Are They Missing the Boat? In: Ariadne, H. 54.
Online verfügbar unter http://www.ariadne.ac.uk/issue54/aharony/

von Ben Kaden

In der Januar-Ausgabe der Zeitschrift Ariadne erschien ein kleiner Beitrag des israelischen Informationswissenschaftlers Noa Aharony, in dem er die vorläufigen Ergebnisse einer Studie zu der Fragestellung, wie sehr das Thema "Web 2.0" in den Curricula US-amerikanischer Bibliotheksschulen verankert ist, vorstellt. Nicht sehr, so das Ergebnis. Aber es sollte, so Prämisse wie Ergebnis. Und daraus ergibt sich auch ein wenig das Problem des Beitrags.

In Rückgriff auf den viel zitierten Kaliper-Report aus dem Jahr 2000 (hier das PDF) der den schönen, von der Aufbruchsstimmung ins 21ste Jahrhundert geprägten Titel "Educating Library and Information Science Professionals for a New Century" trägt, werden drei der sechs im Report ermittelten Trends für das ausgehende letzte Jahrhundert herausgestellt:

  1. Es kommt zu einer Verschiebung von der Institution Bibliothek hin zum Phänomen "Information" ("from a library-focused model to an information-focused paradigm")
    Der Report selbst spricht eher von einer Erweiterung der Ausrichtung ("in addition..", "broadening"), aber die Interpretation des Autors bleibt sicher im Rahmen des Möglichen und in jedem Fall in dem der Realität.
  2. Die Ausbildung wird inter-(bzw. multi-)disziplinärer und vor allem "User centered".
  3. Informationstechnologie spielt eine zunehmende Rolle. Wichtig ist, laut Kaliper-Report, die Studierenden an der "cutting edge of
    existing and new technologies as they become available." auszubilden.


Die Trends Nummer 4 (Spezialisierung im Rahmen des Programms), Nummer 5 (Formale Flexibilität der Curricula, Fernstudium, etc.) und Nummer 6 (Diversifikation der Abschlüsse) spielen für das Thema keine vorrangige Rolle.

Wichtig ist für den Autor, dass die Bedeutung von Information ("creating power and wealth") auch in anderen Ausbildungsdisziplinen in den Mittelpunkt rückt. Die Folge ist, dass Absolventen aus dem LIS-Bereich nicht mehr erste Wahl ("first pick") bei der Besetzung von Stellen im Informationsbereich sind. Sie stehen also mit (Wirtschafts-)Informatikern oder Kommunikationswissenschaftlern in direkter Konkurrenz. Folgerichtig wurden die Curricula vieler LIS-Schulen, wie der Autor bemerkt, um Themen wie "the social context of information technology, changes in use and user behaviour, human-machine interaction and information technology, information economics, communication skills, information policy and information brokering" erweitert.

Nun betritt das Web 2.0 und im Gefolge auch die "Library 2.0" das Feld der Betrachtung und beide werden recht neutral definiert. Interessant ist dabei das Zitat von Tim Berners-Lee, der im erklärten Anliegen des Web 2.0 keinen wirklichen Unterschied zum WWW, wie es gedacht war, sieht. Im Originalinterview lautet die Passage folgendermaßen:

developerWorks: You know, with Web 2.0, a common explanation out there is Web 1.0 was about connecting computers and making information available; and Web 2 is about connecting people and facilitating new kinds of collaboration. Is that how you see Web
2.0?


Berners-Lee: Totallynot. Web 1.0 was all about connecting people. It was an interactive space, and I think Web 2.0 is, of course, a piece of jargon, nobody even knows what it means. If Web 2.0 for you is blogs and wikis, then that is people to people. But that was what the Web was supposed to be all along. And in fact, you know, this Web 2.0, quote, it means using the standards which have been produced by all these people working on Web 1.0. It means using the document object model, it means for HTML and SVG, and so on. It's using HTTP, so it's building stuff using the Web standards, plus JavaScript, of course. So Web 2.0, for some people, it means moving some of the thinking client side so making it more immediate, but the idea of the Web as interaction between people is really what the Web is. That was what it was designed to be as a collaborative space where people can interact.
(developerWorks Interviews: Tim Berners-Lee)

Diese bemerkenswerte Aussage wird zwar zur Kenntnis genommen, aber in Hinblick auf die Fragestellung der Untersuchung nicht weiter reflektiert.

Die Untersuchung selbst umfasst die Auswertung der über die jeweiligen Internetpräsenzen von 59 LIS-Schools vermittelten Lehrpläne sowie "emails to get further information".

In the mail the respondents were asked whether their programme offered
a course on Web 2.0 and if so, they were asked to send syllabi.

Auf die direkte Kontaktaufnahme reagierten zwölf Adressaten (=20%), von denen eine Schule einen Kurs zum Thema "Web 2.0" in Planung hatte und fünf weitere das Thema im Rahmen anderer Kurse aufgriffen. Über die Analyse der Internetangebote wurden nur sechs Schulen mit entsprechenden Themenstellungen im Curriculum ermittelt. Diese sind nicht deckungsgleich mit denen, die sich über das E-Mail-Verfahren als in der Lehre "Web 2.0"-orientiert zeigten, so dass sowohl die Webseiten-Auswertung wie auch - aufgrund des geringen Rücklaufs - die E-Mail-Auswertung keine gesicherten Ergebnisse darstellen. Feststellen lässt sich lediglich, dass nur sechs Schulen die Behandlung des Themas in der Lehre auf der Website explizierten und sechs Einrichtungen per E-Mail definitiv bestätigten, dass sie dieses Thema nicht als Gegenstand in die Lehre aufgenommen haben.
Entsprechend kann man sagen, dass in 10 % der untersuchten Einrichtungen zum Untersuchungszeitpunkt das Thema Web 2.0 keines in der Lehre war.
Bei 10 Einrichtungen (=17%) war dies entweder der Fall oder ausdrücklich geplant. Bleiben 43 Einrichtungen (bzw. 73%) für die keine definitive Aussage getroffen werden kann, da sich das Verfahren der Analyse der Internetangebote offensichtlich als nicht eindeutig erwiesen hat.

Insofern lässt sich die Aussage:

This preliminary survey indicates that LIS schools in the United States are not adequately prepared for the rapid changes in Web technology and use.

bestenfalls als Bauchgefühl anerkennen. Wissenschaftlich belegt ist sie nicht. Daran schließt der Autor mit der eher noch problematischeren Aussage:

It seems that the LIS programmes have not yet internalised the importance of the new, changing and dynamic innovations that are taking place in their environment.

an. Diese steht im Gegensatz zu den oben postulierten genannten Themenstellungen ("social context of information technology,.."), die sich in ihrer Ausrichtung durchaus auf die technischen Innovationen in ihrem Umfeld beziehen. Unglücklicherweise setzt Noa Aharony technische Innovation sehr verkürzt mit dem Konzept bzw. Schlagwort "Web 2.0" gleich, so dass alles, was dieses Label nicht trägt, in einem blinden Fleck verschwindet.

Er führt für die (angenommene) geringe Berücksichtigung des "Web 2.0" in den Lehrplänen drei Interpretationen aus:

  1. Das "Web 2.0" wird als "Hype" wahrgenommen und deshalb als mehr oder weniger unwichtig ausgeklammert.
    [Auch wenn an anderer Stelle (Folie 18) der Debatte zum Thema "Bibliothek 2.0" sogar behauptet wird, dass sich "viele Hypes stabilisieren", so ist dies bei genauerer Betrachtung der Wortbedeutung - sechs von sieben Varianten des Dictionary.com Unabridged (v 1.1) sind eindeutig negativ bzw. bedeuten schlicht: Betrug; die halbwegs neutrale beschreibt so etwas wie freudige Erregung" und ist in diesem Kontext eher nicht relevant - keineswegs erstrebenswert.]
  2. "Web 2.0" wird eher technisch verstanden und daher dem Feld der Informatik ("Computer Science") überlassen.
  3. Als dritte Deutung wird sachlich völlig unbegründet angeführt: "LIS programme designers are not open to change and innovation." Hier werden die Bereitschaft zu Veränderung und Innovation mit dem Phänomen "Web 2.0" kurzgeschlossen, ohne dass sich eine eine solche Behauptung stützende Argumentation wenigstens angedeutet findet.

Die Notwendigkeit zur Schulung in "Web 2.0" ergibt sich für den Autor aus einer anderen Analyse, in der es um das Nutzungsverhalten von Web 2.0-typischen Anwendungen durch israelische LIS-Studenten ging:

The research findings show that the most popular Web 2.0 applications used by LIS students are wikis (89%), blogs (45%), followed by social networks (37%), flickr (20%), while the least popular is RSS (19%). From these results one may conclude that Israeli LIS students should be more exposed to Web 2.0 applications and their use.

Leider ist der Artikel noch "under review", so dass nicht zu prüfen ist, welche Nutzungsintensität der Autor als zureichend empfinden würde.

Generell überrascht aber angesichts des ansonsten häufig angebrachten Stereotyps, dass die Net-Generation bzw. "Digital Natives", aus denen sich die aktuellen LIS-Studierenden zu großen Teilen rekrutieren dürften, ganz selbstverständlichen mit entsprechenden Anwendungen des "Web 2.0" umgehen können. Der Autor greift diese Annahme dagegen nicht auf, sondern unterstellt implizit, in dem er starken Ausbildungsbedarf sieht, dass dem nicht so ist. Der Darstellung hätte eine Diskussion dieser Spannung sicher gut getan.

OCLC wird als besonders innovativ herausgehoben, weil es den Worldcat in Facebook einbettet. Dies impliziert, dass die Nutzer - wie auch immer geschult - dort sind. Auch Blogleser tauchen als "potential users" auf. Bibliotheksnutzer verwenden "wikis as a platform for book recommendations, cataloguing and tagging". Woher können sie das? Und wenn die Zielgruppen diese Werkzeuge en passant beherrschen: Wie unterscheiden sie sich in ihrer Herkunft, Intelligenz, Motivation,etc. von den typischen Studierenden an den LIS-Schools? Wenn jedoch, was natürlich nahe liegt, die Studierenden und späteren Bibliothekare eine umfassendere Befähigung und ein weiter reichendes mediales Verständnis als die Nutzer besitzen sollen, wäre es dann nicht sinnvoller, zu fragen, welche Elemente jenseits der simplen "Web 2.0"-Funktionalitäten als Erweiterung der Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien vermittelt werden sollten?

Die Forderung "the different issues and applications of Web 2.0 [should] be thoroughly taught as a separate course in the LIS curriculum" führt entsprechend eher in die falsche Richtung, nämlich zu einer Beschränkung der Perspektive auf eine bestimmte, aktuelle Facette, die zu vermitteln nur bedingt notwendig sein dürfte.

Das Hauptproblem des Ansatzes von Noa Aharony liegt m.E. aber darin, dass die Betrachtung keineswegs sach- bzw. auf den fachlichen Nutzen bezogen ist, sondern sich im Kern fast ausschließlich um die Positionierung des Faches in einem interdisziplinärem Konkurrenzkampf dreht:

“The crucial question is whether those LIS schools are not missing an opportunity to improve their professional image and standing.”

Die Frage ist also nicht, inwiefern die Diszplin das "Web 2.0" begreifen muss, um entsprechend zugeschnittene Dienstleistungen für ihre Zielgruppen zu erbringen, d.h. ihre Aufgabe zu erfüllen, sondern wie man die LIS-Ausbildung möglichst gut aussehen lassen kann.
Damit schließt der Autor nahtlos an die wenig fruchtbare, dafür aber die Fachwelt sehr verunsichernde "Wir müssen mithalten"-Debatte aus "Library 2.0"-Umfeld an.

Dass die Ausstattung der "new generations of librarians with competencies and skills that fit a modern, dynamic and changing work environment" unbedingt vom extrahierten und konzentrierten Einbetten des "Web 2.0" in die Curricula abhängt und nicht im Rahmen eines größeren Deutungszusammenhangs, der z.B. auch Grundlagen der Datenbankadministration und die Geschichte der Veränderung medialer Repräsentationsformen von der Wandmalerei in der grotte Chauvet-Pont-d'Arc bis zum Chatdialog bei Habbo vermitteln könnte, also Aspekte, die man bei täglichen Facebook-Nutzung nicht unbedingt mitbekommt, wird leider nicht deutlich.

Die Tauglichkeit der Schlagwörter "Web 2.0" und "Library 2.0" wird leider ebenso, obwohl der Ansatzpunkt mit dem Hinweis auf Tim Berners-Lee schon auf dem Tisch liegt, nicht hinterfragt. Stattdessen malt man die Schimäre des Abgehängtseins von der Entwicklung - hier verhältnismäßig dezent - auf und reduziert die Frage "Warum Web 2.0" am Ende in der Andeutung auf den rhetorischen Holzhammer des Kampfes um das Überleben der Institution:

It is important that novice librarians and information professionals recognise these applications and be able to apply them properly in their libraries and information centres in order to show their readers and users that they are still relevant and up to date in this changing, dynamic information world. [Hervorhebung von mir]

Aus solcher Unfähigkeit, die Institution "Bibliothek", das Bibliothekswesen und die die Zukunft dieser Akteure in ihrem Umgebung konsequent zu transzendieren, könnten man ableiten, dass der Unwillen zur Veränderung eigentlich - und zwar etwas luhmannianisch formuliert als Unwillen zweiter Ordnung - gerade bei den besonders veränderungswütig Auftretenden zu finden ist. Aber das ist vielleicht einen Tick zu weit hergeholt. Es könnte auch einfach ein im Kern sehr pragmatisches Anpassungsstreben an den Zeitgeist dahinter stehen: Man möchte dabei sein und dabei auch noch als relevant anerkannt werden.

Andererseits: Wenn die Relevanz der "Institution Bibliothek" tatsächlich am seidenen Schnürchen des "Web 2.0" hängt, dann sollte man nicht allzu viel daran hängen.

Das ethnografische Erkennen - auch bei Digitalen Bibliotheken?

Mittwoch, 14. November 2007


Anmerkungen zu: Seadle, Michael; Greifeneder, Elke (2007): Die Kunst des Beobachtens. Wie man Digitale Bibliotheken mit ethnografischen Methoden evaluiert. In: BuB - Forum Bibliothek und Information, H. 11/12, S. 835–838.

von Ben Kaden

Es ist ein bekanntes Problem, mit dem sich alle Betreiber von Internetangeboten konfrontiert sehen und damit die Betreiber von „Digitalen Bibliotheken“ gleichermaßen: Man bastelt, baut und schraubt über eine Reihe von Projektzyklen an wunderbaren Angeboten und am Ende läuft alles in die Black Box, auf der ganz allgemein „Benutzer“ steht.

Man hat zwar ein Ziel vor den Augen, aber sehr spezifisch ist es nicht und entsprechend trüb wird die konkrete Ausgestaltung des Angebots. Die also für Digitale Bibliotheksangebote grundsätzliche Frage nach der Spezifizierung der Nutzer steht im Zentrum des Beitrags von Michael Seadle und Elke Greifeneder.
Der Einstiegsantwort „Der Benutzer ist jemand, der eine Digitale Bibliothek benutzt“ ist aufgrund der ihr innewohnenden Tautologie kaum mit Widerspruch beizukommen. Sie erweitert das Betrachtungsfeld aber auch nicht sonderlich. Entsprechend steht sie glücklicherweise am Anfang des Aufsatzes und am Ende ist man in Hinblick auf den Benutzer zwar nicht direkt schlauer, aber man weiß 1. dass es eine pauschale Bestimmung nicht geben kann und 2. wie man sich ihm – aus der Sicht von Michael Seadle und Elke Greifeneder – am besten nähert: ethnografisch.

Michael Seadle ist von Hause aus Anthropologe und entsprechend überrascht die in der deutschen Bibliothekswissenschaft noch nicht alltägliche Übertragung einer Methode der Anthropologie auf die Evaluation von Bibliotheksangeboten nur bedingt. Dass sie in einer partikularen Gesellschaft, in der selbst der traditionelle Milieu-Begriff angesichts der extremen Individualisierung der Lebensstile erodiert, Fruchtbares verspricht, steht außer Frage.
Insofern ist es sehr angebracht, wenn das Berliner Autorenteam hier für ein Verfahren sensibilisieren möchte. Schade, dass die bereits durchgeführten Evaluationen mit diesem Methodenhintergrund (so bei der Bewertung der Perseus Digital Library – vgl. z.B. Yang, Shu Ching (2001): An Interpretive and Situated Approach to an Evaluation of Perseus Digital Libraries. In: Journal of the American Society for Information Science and Technology, Jg. 52, H. 14, S. 1210–1223. – oder beim Water in the Earth System der American Meteorological Society - Khoo, Michael (2001): Ethnography, Evaluation, and Design as Integrated Strategies: A Case Study from WES. In: Constantopoulos, Panos (Hg.): Research and advanced technology for digital libraries. 5th European conference, Darmstadt, Germany, September 4 - 9, 2001; proceedings. Berlin: Springer (Lecture notes in computer science, 2163), S. 263.) nicht hinsichtlich ihrer tatsächlichen Erkenntnisse kurz referiert wurden.

Der Hinweis auf das Buch von Bonnie A. Nardi und Vicki L. O’Day ist sicher hilfreich, besonders, da diese die ethnografische Methode in ihrer Anwendung auf Nutzerstudien weitaus griffiger formulieren, als es der von Michael Seadle und Elke Greifeneder zitierte Clifford Geertz tut.

Wo es bei Nardi und O’Day in schönstem Pragmatismus heißt:

„Our empirical studies are ethnographic studies, which means that we go out into the “field” to study situations in which people are going about their business in their own ways, doing whatever they normally do.” (Nardi, Bonnie A. (1999): Information ecologies. using technology with heart. Cambridge Mass. , London: MIT., S. 14).

liest man mit Clifford Geertz:
”Ethnographie betreiben gleicht dem Versuch, ein Manuskript zu lesen (im Sinne von >eine Lesart entwickeln<), das fremdartig, verblasst, unvollständig, voll von Widersprüchen und tendenziösen Kommentaren ist, aber nicht in konventionellen Lautzeichen, sondern in vergänglichen Beispielen geformten Verhaltens ist.“ (zitiert aus dem Aufsatz, S. 835-836)


Zwischen Nardi und O’Day einerseits und Geertz andererseits liegen, was die Ethnografie betrifft, nicht nur sprachlich Welten und für die Klarheit des Aufsatzes wäre es angesichts der Beschränktheit auf vier Seiten vielleicht hilfreicher gewesen, sich für die zielgerichtetere Definition der beiden Bibliotheksevaluatorinnen zu entscheiden und Clifford Geertz an anderer Stelle einführender und umfänglicher darzustellen. Denn letztlich läuft beides auf die einprägsame Formel: „Man muss versuchen, den kulturellen Kontext des Werkes [bzw. des Nutzerverhaltens] zu verstehen.“ (S. 836) hinaus.

Einen streng hermeneutischen Ansatz verfolgen die Autoren allerdings nicht. Sie orientieren sich auf die Verfahren der „linguistischen Analyse“, des „Workshops“ sowie der „Beobachtung mit Film- und Tonaufnahmen“, auch hier leider eher sensibilisierend denn erschöpfend, was aber sicher dem Forum und der Vorgabe des Verlages geschuldet ist. Merkbar ist das Bemühen, tatsächlich umsetzbare Handlungsoptionen aufzuweisen, auch wenn es bei Formulierungen „Studierende mögen Essen (zum Beispiel Pizza) und freuen sich auch eine kleine finanzielle Aufwandsentschädigung (vielleicht fünf Euro)“ einen Tick zu weit geht. Der Running Gag mit der „Pizza“ (vgl. hier) wird sicher den meisten BuB-Lesern verschlossen bleiben.

Nicht nachvollziehbar ist für mich die Heraushebung, dass Studierende an der Evaluation von Digitalen Bibliotheken ein – besonderes? – Interesse haben. Ebenso erscheint mir die Feststellung, „dass Studierende keine Informationssilos möchten, sondern breite Informationsportale, die sie selbst gestalten können, wenn sich ihre Interessen (etwa durch Lehrveranstaltungen) ändern“ im Unterschied zu den Autoren nicht unerwartet, wenn man an die Nutzung von Web2.0-Identitätsportalen von MySpace oder Facebook denkt.

Hier werden Erwartungen und Verhaltensweisen von den Portalen der vorwiegend privaten sozialen Interaktion auf die Oberflächen der fachlichen Kommunikation projiziert, wobei diese Sphären im Fall von Facebook sogar zusammenzuwachsen scheinen. Die angeschlossene Aussage, dass viele Bibliothekare solches nicht gern sehen, mag vielleicht nicht auf ganzer Linie an der Realität vorbeizielen, ist aber ein Aspekt, auf den man bei aller Liebe zu den Vorlieben der Bibliothekare bei dem Ziel, ein nutzbares Angebot zu entwickeln, keine Rücksicht nehmen sollte. Aspekte der Innovationsbereitschaft und -resistenz gehören eher in den Bereich der Organisationspsychologie als in die Entwicklungsabteilung für Digitale Bibliotheksangebote.
(Wobei eine ethnografische Analyse der Betriebsorganisation innerhalb einer Bibliothek ausgesprochen reizvoll scheint und das Potential zu unerwarteten Ergebnissen besitzt. Dies steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt.)

Ein wichtiger Punkt wird am Ende der Studie angesprochen: Nutzer „suchen die Ursache oft bei sich selbst, wenn sie Probleme bei der Benutzung haben. Sie sehen selten, dass beispielsweise die umständliche Navigation Ursache sein kann.“ Hier wäre eine ethnographische Aufdröselung der Schuldzuweisungen ('ich bin’s', 'die Maschine ist’s', 'der Anbieter ist’s') sicher aufschlussreich und könnte u. U. dem sich selbst geißelnden Nutzer auch etwas Seelenfrieden besser aber ein auf seine Nutzungspräferenzen angepasstes Angebot bescheren.

Insgesamt lässt sich nach der Lektüre des Aufsatzes festhalten, dass der Wert einer differenzierten Nutzerkenntnis sehr hoch zu bewerten ist und ethnographische Ansätze ein hilfreiches Werkzeug zum Finden entsprechender Erkenntnisse darstellen. Zweifellos besteht an diesem Punkt in der Bibliothekswissenschaft nicht nur in Hinblick auf die Evaluation Digitaler Bibliotheken Nachholbedarf. Daher wäre es wünschenswert, wenn der Beitrag von Michael Seadle und Elke Greifeneder mithilft, hier vertiefende methodologische Entwicklungen anzuregen. Viel mehr kann der Aufsatz aufgrund der gegebenen Knappheit leider nicht leisten. Aber er zeigt auf, was möglich wäre.

In der Fluchtlinie: eine etwas pyramüde Bibliothek 2.0.

Dienstag, 20. Februar 2007


Eine kritische Lektüre von Figge, Friedrich; Kropf, Katrin: Chancen und Risiken der Bibliothek 2.0: Vom Bestandsnutzer zum Bestandsmitgestalter. In: Bibliotheksdienst 41. Jg. (2007) Heft 2. S. 139-149. (Volltext bei E-LIS, die Besprechung bezieht sich auf die dortige Version)von Ben Kaden


So langsam etabliert sich das Web 2.0 und entsprechend häufen sich allgemeine Einführungen in allen möglichen Formen (sh. z.B. hier und hier). Und was sich im Großen und Ganzen der allgemeinen Netzgesellschaft als das Web 2.0 präsentiert, ist auf der Ebene der Bibliotheken die Bibliothek 2.0.

Nachdem im letzten Herbst Patrick Danowski und Lambert Heller einen vielbeachteten kleinen Aufsatz zum Thema im Bibliotheksdienst publizierten (vgl. hier),
sind es nun Friedrich Figge, Professor für Electronic Publishing und Multimedia an der HTWK Leipzig und seine Ko-Autorin Katrin Kropf die es unternehmen, ebenfalls im Bibliotheksdienst, die Bibliothek 2.0 zu erläutern.

Dies gelingt ihnen allerdings, nun ja, bedingt überzeugend. Ein bisschen werden Anwendungsmöglichkeiten konkretisiert, aber eine so notwendige distanzierte Betrachtung der Entwicklung bleibt leider aus.

So liegt der Neuigkeitswert des vorliegenden Textes hauptsächlich in der Projektion der "Electronic Publishing-Pyramide", mit der Friedrich Figge versucht die "Chancen für kreative Medienunternehmen im Web 2.0" zu visualisieren, auf Bibliothekskontexte.


Das Modell definiert vier Stufen: Information, Service, Kontakt und Kommunikation, wobei als Basis "Information" für die allgemeine "Erarbeitung und Verbreitung von Inhalten" steht und an der Spitze "Kommunikation" mit Community, also vielleicht: kontextualisierten Informationen im Diskurs sozialer Netzwerke, zu finden ist.

Anhand der Stufen werden nun die Möglichkeiten von allgemeinen Web 2.0- und einigen Bibliothek 2.0-Angeboten (z.B. die PennTags) erläutert.


Stufe 1: Die Information


Auf der Ebene der reinen "Informationsvermittlung" wird allerdings nur das alte Klischee "Die Bibliothek gibt, der Benutzer nimmt" angebracht, was vermutlich den Kontrast zwischen alter und neuer Bibliothekswelt herausstreichen soll.

Jedoch trifft man mit solchen Pauschalisierungen schon seit einer längeren Zeit nicht mehr den Kern, weder von Öffentlichen Bibliotheken, die bei guter Führung auch schon vor dem Web 2.0 in Kommunikation mit ihren Nutzern standen und je nach finanzieller Möglichkeit selbstverständlich deren Wünsche im Bestand abzubilden versuchten, noch von wissenschaftlichen. Auch bei diesen gab es auch schon in der Vergangenheit genügend durchsetzungsstarke Professoren, die den Fachreferenten bei Titelauswahl für den Bestandsaufbau mehr oder
weniger direkt unter die Arme griffen. Dass die Wünsche von Studierenden oder auch Assistenten manchmal vom Fachreferenten nicht mit der gleiche Emphase behandelt wurden, liegt wohl eher im Aufbau des Sozialsystems "Wissenschaft" begründet, als in der Intention der selbstbezogenen Bibliothekare.
Die kritisierte Selbstbezogenheit des bewertenden, auswählenden und vorschreibenden Bibliothekars ist hauptsächlich noch da zu vermuten, wo wenig direkter Nutzerkontakt besteht. Allerdings wird es sich an diesen Stellen auch mit dem Web 2.0 nicht heute auf morgen ändern.


Stufe 2: Die Services


Auf der zweiten Ebene geht es um Service und zwar um einen solchen, der über die bloße Bereitstellung von Information herausgeht. Beispiele, die die Autoren nennen, sind Neuererscheinungslisten und die herausgehobene Präsentation von bestimmten Beständen.

Dass hiermit das Service-Spektrum von Bibliotheken stark reduziert abgebildet wird, ist offensichtlich. Ein bisschen mehr als diese allgemeinen Empfehlungsdienste kann man auch deutschen Bibliotheken, in denen der klassische Reference Librarian zugegebenermaßen nicht ganz zum Alltag gehört, schon zugestehen. Aber vielleicht gehört das schon wieder auf die Stufe 3: Kontakt, wobei das Modell eine

erste Unzulänglichkeit zeigt.

Für Empfehlungen bietet sich natürlich das RSS-Prinzip als Verteilungsmittel an. Über Social Bookmarking können entsprechende Inhalte verwaltet, erschlossen und verfügbar gemacht werden.

Zudem wird Cassey Bissons Word-Press-Opac
(bzw. OPAC 2.0) samt Anwendungsbeispiel erwähnt. Irreführend ist allerdings der Nachsatz, dass dies "ein guter Anfang in Richtung benutzerfreundlicher OPAC" ist, denn hiermit wird implizit behauptet, dass alle bisherigen OPACs nicht
nutzerfreundlich seien.

Solches scheint aber selbst wenn man kein ausgesprochener Liebhaber des weithin vorherrschenden Datenbankschicks ist, ein wenig übertrieben, zumal z.B. der KVK vor nicht ganz langer Zeit mit dem nicht primär am Web 2.0, sondern vielmehr an der google-simplen Erwartungshaltung der Nutzer orientierten Freitextsuche aufwartete.

Ein anderes Werkzeug sind die Newsfeed-Verwalter à la Netvibes oder Pageflakes. Allerdings erscheinen mir diese Werkzeuge für den Einsatz in Bibliotheken generell nicht optimal und ins Schlingern gerät der Text spätestens dann, wenn die Tatsache, dass Netvibes sich im Kern an Einzelnutzer richtet und entsprechend "nur im eingeloggten Zustand einsehbar und bearbeitbar" ist als ein "derzeit noch" bestehender Nachteil herausgestellt wird.

Netvibes und auch Pageflakes sind nun mal Tools zur persönlichen Verwaltung von Feeds und nicht etwa "personalisierte Startseiten" für Bibliotheken. Man kann genauso gut einem Fahrradhersteller bescheinigen, dass sein Produkt derzeit noch nicht dafür geeignet ist, mit 4 Personen und einer höheren Reisegeschwindigkeit über die Autobahn zu preschen.

Für diesen Anspruch benötigt man nun einmal ein Automobil und wenn es das nicht gibt, der Bedarf aber besteht (d.h. wenn sich Geld damit verdienen lässt) und wenn es technisch machbar ist, wird früher oder später ein fixer Tüftler hier mit einer passenden Erfindung auf der Türschwelle des technischen Fortschritts erscheinen und Abhilfe schaffen. Ähnliches ist für Bibliothek 2.0-Anwendungen zu vermuten.

Dass man dagegen mit auf Einzelnutzer oder kleinere Gruppen zugeschnittenen durchschnittlichen Web 2.0-Applikationen die durchaus nennenswert komplexeren Ansprüche einer Bibliothekscommunity mit ein paar tausend Nutzern meistern kann, ist ein Trugschluss.

Vielmehr wird es direkt auf die Ansprüche der Bibliothek 2.0 hin entwickelte Lösungen geben müssen: die Bibliothek 2.0 befindet sich hier im 0.1-Stadium, d.h. in der Konzeptions- und Entwicklungsphase. Pageflakes, Netvibes und die anderen sind als Inspirations- und Orientierungsquellen geeignet.
Als technische Grundbausteine für etwas, das sich Bibliothek 2.0 nennen möchte, bedarf es meiner Ansicht nach aber etwas anderem.

Richtig angesagt sind im Web 2.0 Möglichkeiten der Möglichkeiten, Nutzern Bewertungsmöglichkeiten für Medien anzubieten. Mit Amazon und www.guenstigweg.de hat man hier zunächst nur Beispiele aus dem e-commerce in der Hand. Beispielsweise im Weblog-System Serendipitiy gibt es auch die Möglichkeit zur Einbindung eines Plug-Ins zur Bewertung der jeweiligen Einzel-Postings. Generell ist zu vermuten, dass in Sachen Catalogue Enrichment Amazon das Benchmark darstellt, wobei mitunter der Link zu Amazon aus dem OPAC heraus selbst das Enrichment bildet...

Stufe 3: Kontakt

Für Friedrich Figge und Katrin Kropf stellt die Kontaktebene die "Zwischenstufe zur Community-Bildung" dar. Dabei geht es ihnen aber hauptsächlich um die betriebsinterne Kommunikation und hier hätte man ganz gut die Idee aufgreifen können, mit Web 2.0-Anwendungen das etwas aus dem Trend geratene Konzept des Wissensmanagements zu revitalisieren.Darüber wird wohl jemand anderes schreiben (müssen).

Im vorliegenden Aufsatz geht es ganz einfach um den Kontakt zwischen den Mitarbeitern, wobei der "persönliche Direktkontakt" und das "Telefonat" leider etwas unfair gegen das Instant Messaging aufgerechnet werden. So betonen die Autoren bei der ersten Variante die Nachteile ("aufgrund ihrer Flüchtigkeit auch nicht immer die verlässlichsten Kontaktmöglichkeiten"), während zum IM eine entsprechende Bewertung fehlt.

Zusätzlich ist es nicht unbedingt nachvollziehbar, inwieweit die "sofortige Nachrichtenübermittlung" und Echtzeitkommunikation verlässlicher ist, als ein persönliches Gespräch. Dem Laien dürfte auch der Unterschied zum Telefonat verborgen bleiben, zumal es in Gestalt der Internettelefonie gleich wieder auf's Tapet kommt.
Keine Erwähnung findet leider die eigentlich naheliegende Anwendung von Instant Messaging im Auskunftsbereich.

Stattdessen wird Yahoo!Clever (kritisch) vorgestellt, dass sich von dem im letzten Jahr eingestellten Google-Answers vor allem durch einen Mangel an Qualitätskontrolle unterscheidet.

Für Digital Reference-Dienste gibt es ganz andere Tools, als dass man sich unbedingt an der Yahoo-Frage-Antwort-Spielerei orientieren muss.

Und noch eine Problemstelle findet sich in diesem Abschnitt: Die Aussage, dass der "Blog der Benutzer der Berliner Staatsbibliothek ein erster Ansatz für eine Community-Bildung auf Online-Ebene" darstellt, ist so schlicht verkehrt.
Obendrein erfüllt er seine Rolle als Beispiel auch nur bedingt, da die Inititative hier
nicht von der Bibliothek ausging, sondern von einem (frustrierten) Nutzer. Er stellt also einen typischen Beleg dafür dar, dass bibliotheksbezogenes Web 2.0-Adaptionen (wenn man es so sagen will) bislang vorwiegend unabhängig von den Bibliotheken entstehen.
Und dass viele Weblogs "bereits" Kommentare zu lassen, ist ebenfalls leicht an der Realität vorbei formuliert: das ib.weblog lässt Kommentare seit es besteht, also seit 2003, zu; im netbib weblog gibt es die Funktion noch länger.

Kommentare in Weblogs sind vielmehr als eine Default-Einstellung zu verstehen und stellen den Regelfall dar.



Stufe 4: Die Kommunikation und die Community


Die Kommunikation in der Bibliothek 2.0 vollzieht sich zweigleisig: einerseits "zwischen Bibliothek und Benutzer" und andererseits "den Benutzern untereinander". Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen, allerdings zwingt die daran anschließende Passage schon wieder zur Distanzierung:


"Gerade jetzt, wo immer mehr Benutzer die Flucht in Online-Welten antreten: Was liegt näher, als die Verfolgung aufzunehmen und als Bindeglied zwischen physischer Bibliothek und dem fliehenden Benutzer eine Online-Plattform zu errichten?" (S.145)

Hier ist der Drang zur Metaphorik ordentlich ins Groteske entglitten. So ist unklar warum und wovor der Benutzer flieht, sich also in Sicherheit bringt. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Benutzer der Bibliothek enteilen, da sie im Internet Dinge finden, die sie woanders nicht entdecken, ist Flucht ein denkbar schwieriger und in diesem Zusammenhang nicht wertfrei benutzbarer Ausdruck. (Eine sozialpsychologische Interpretation über einen grauen und einsamen Alltag und einen bunten, geselligen Online-Eskapismus wäre denkbar, ist aber hier offensichtlich fehl am Platze...)

Und selbst wenn die zunehmende Online-Nutzung die Nutzung von Bibliotheksangeboten verringert, treibt die Benutzer eher die Suche nach etwas Neuem, als die im Regelfall einer Flucht vorausgehenden Bedrohung.

Wenn überhaupt, dann wandern die Benutzer ab oder, noch besser, verändern ihr Mediennutzungsverhalten. Auch ist es laut allgemeiner Jagderfahrung weniger ratsam (und vorallem höllisch aufwendig), ein fliehendes Tier zu "verfolgen" - es sei denn, man möchte es zu Tode hetzen. Der effektive Waidmann zieht es vor, seiner Beute aufzulauern: In der Überraschung liegt der Erfolg und die erfolgreiche Bibliothek 2.0 tut danach entsprechend gut daran, denn Benutzer mit Innovation zu überraschen.

Drittens ist das Grundprinzip des Partizipationsnetzes Web 2.0 nunmal die Aktivität des Nutzers: ihm eine Online-Plattform zu errichten, hieße, ihm wieder ein vorgefertigtes Angebot vorzusetzen. Wenn Benutzer tatsächlich lieber Web 2.0-Medien nutzen, liegt es wohl darin begründet, dass sie hier (inhaltlich) frank und frei mitgestalten können.

Als Beispiel für ein Community-Portal verweisen die Autoren ausgerechnet mit Ciao.de ausgerechnet auf eines der "der größten und erfolgreichsten Shopping-Portale in Europa". Würde man das ganze Unterfangen etwas schlichter beginnen und z.B. ersteinmal eine simple Interaktionsplattform einrichten, wäre der beschworene "Initialaufwand" sicher zu reduzieren. Zusätzlich sollte man neben dem Initialaufwand auch den Betreuungsaufwand nicht unterschätzen: gerade der betonte Anspruch an Qualitätskontrolle und die Steuerung und Setzung von Schreibanreizen dürfte mit den üblichen Personalstrukturen an deutschen Bibliotheken nur schwer auf einem Ciao.de-Niveau umzusetzen sein.



Generell empfiehlt sich bei aller Euphorie, die man dem technisch Machbaren im Web 2.0 so gern entgegen bringt, vor Implementierung die Frage zu stellen, ob und wie die Angebote mit den (auch zu erwartenden) Nutzeransprüchen abstimmbar sind. (vgl. dazu z.B. The Dark Side of Library 2.0: "It's the Patron, Stupid")

Kleine Wettbewerbe wie der im Text angeführte YouTube-Contest der Jugendabteilung in der Denver Public Library bilden einen schönen Anreiz, benötigen aber auch das passende Umfeld. Recht originell ist die Idee der Muskingum College Library, die Fotos über die Annotationsfunktion bei Flickr mit ihrem OPAC verbindet.
Das Potential für eine fruchtbare Bibliothek 2.0-Anwendung kann ich darin allerdings noch nicht erkennen und 400 Bildaufrufe sind angesichts der Tatsache, dass es die Aufnahme eines Fahrstuhl aus der Seattle Public Library auf den 10fachen Zustrom bringt, auch nicht übermäßig viel.

Einen ähnlichen Schnellschuss hinsichtlich der Quantität von Kontakten stellt die Bewertung des Erfolgs der MySpace-Seite der Brooklyn College Library dar. Diese hat - bei allein mehr als 11000 Undergraduate-Studierenden am College - 2000 ausgewiesene "Freunde".

Der Rapper Snoop Dogg hat eine halbe Million. "Freundschaft" bedeutet in der MySpace-Welt ersteinmal nur, dass jemand ein paar Mausclicks absolviert hat... Man gönnt den MySpace-Fans aus Brooklyn jeden einzelnen
Kontakt - das ganze große Bibliothek 2.0-Erlebnis ist es dennoch nicht, sondern eher ein positives Zeichen dafür, dass auch Bibliotheken auf der hippen Selbstdarstellungsplattform nicht geschnitten werden.

Möchte man die Community im eigenen Netz, so sollte man als Web 2.0-willige Bibliothek erst einmal klären, was man sich darunter vorstellt - die Möglichkeiten des Web 2.0 bieten eine ganze Bandbreite an Verknüpfungskonzepten, die sich allesamt als Community verkaufen.

Welche Variante des Community-Potpourri für eine Bibliothek sinnvoll ist, ergibt sich vor allem aus der Überlegung, welches Resultat man anstrebt. Unbestritten besteht die Chance, mit Web 2.0-Anwendungen, Nutzer besser zu erreichen. Ob es tatsächlich "mehr" werden, ist eine andere Sache, wie es mit einer Bindung im Web aussieht ebenso. Dass Scharen von ehemaligen Nichtnutzern ihren Leseausweis beantragen, weil es nun eine Webcommunity auf der Bibliothekswebsite gibt, ist kein wahrscheinliches Szenario.
Eher gelingt ist, die ohnehin bibliotheksaffinen Zielgruppen besser zu erreichen und im Idealfall stärker zu aktivieren. Die Vorgabe, mehr Nutzer zu akquirieren halte ich für einen bestenfalls sekundär relevanten Ansatz. Zentral bei den geschilderten Unterfangen müssten in meinen Augen die Optimierung und Entwicklung von Dienstleistungen sein, die die Möglichkeiten der Bibliotheksnutzung vervielfältigen und gleichzeitig optimieren.

Fazit


In der Gesamtschau gehört der Beitrag von Friedrich Figge und Katrin Kropf leider in das berühmte Schubfach "Vertane Chance". Die Anwendung der E-Publishing-Pyramide erfindet das Rad nicht unbedingt neu, ist als Visualisierung aber u.U. geeignet.

Die damit einhergehenden Erläuterungen sind jedoch weitgehend oberflächlich und zum Teil sogar irreführend. So greift auch der Hinweis, man könne über das Monitoring des Tag- und Bookmarkverhaltens "Trendscouting" betreiben, dahingehend absolut zu kurz, dass man damit nur einen recht kleinen Anteil der Webnutzerschaft in die Bedarfsermittlung einbezieht, nämlich diejenigen, die solche Werkzeuge nutzen. Die Gefahr einer derartigen Betriebsblindheit wird bei der Auflistung der Risiken (Datenschutz, "unerwünschte Inhalte", Ablehnung durch die Nutzer) aber nicht erwähnt.

Die Enttäuschung ist also eine etwas größere: Von der titelgebenden "Bibliothek 2.0", ihren Chancen und Risiken ist insgesamt nur wenig zu lesen - es sei denn, man geht davon aus, dass die Einbindung von ein bisschen Web 2.0-Technologie schon alles ist, was sich hinter dem Begriff verbirgt. Dann wäre dieser aber nach meinem Verständnis eher überflüssig. Eine notwendige Auseinandersetzung mit dem durchaus auch anders grundierbaren Konzept der Bibliothek 2.0 bzw. Library 2.0 (sh. auch hier), die man anhand des Titels durchaus hätte erwarten können, findet nirgends im Text statt.

Als Handlungsanleitung und Hinweisgeber mag der Artikel in Ansätzen geeignet sein, als mehr kann er bedauerlicherweise nicht überzeugen.


Danowski/Heller: Bibliothek 2.0: Die Zukunft der Bibliothek?

Donnerstag, 23. November 2006

Danowski, Patrick, Heller, Lambert: Bibliothek 2.0: Die Bibliothek der Zukunft?. In: Bibliotheksdienst 11/2006, S. 1256 - 1271

Im E-LIS Archiv als Volltext

Die Besprechung erfolgt auf der Grundlage der Version bei E-LIS.

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Patrick Danowski und Lambert Heller sind Vertreter einer "neuen", web2.0-affinen Generation von Bibliothekaren und begeistert von den Entwicklungen im Bereich der Sozialen Software und deren Auswirkungen auf das Bibliothekswesen. Das merkt man ihrem groß angekündigten und viel gelobten (hier oder hier) Beitrag für den Bibliotheksdienst, der vorab schon bei E-Lis abrufbar ist auch an. Der Text ist rein affirmativ - kritische Aspekte von Web und Bibliothek 2.0 und mögliche Folgewirkungen finden sich leider nicht betrachtet. Das ist insofern schade, da sich eine (sachliche) kritischere Auseinandersetzung mit dem Phänomen Bibliothek 2.0 bisher kaum findet.

Die Autoren legen - besonders im letzten Kapitel - eine Art Programmpapier vor und schaffen so im deutschsprachigen Raum eine Art Diskussionsbasis, deren entscheidender Vorteil es gegenüber all den mittlerweile im Web auch in Deutschland schon recht zahlreich vorliegenden Gedanken und Äußerungen zum dem Thema erstaunlicherweise sein wird, dass sie gedruckt erscheint. Während also die Diskussionen im netbib-Weblog, in Partrick Danowskis Bibliothek 2.0 und mehr, in LIS Potsdam oder an anderen Stellen von der vermutlich angestrebten Zielgruppe für den Artikel nicht wahrgenommen werden dürfte, fängt man sie schließlich mit der Publikation in einer weitverbreiteten Fachzeitschrift. Nun kann auch der socialweb-resistenteste Bibliothekar nicht mehr sagen, er hätte von nichts gewusst.

Für diesen "aufklärerischen" Zweck ist der Beitrag gut geeignet. Im ersten Teil werden noch einmal die Grundelemente des Web 2.0 dargestellt. Der Auszug aus der Wikipedia dürfte allerdings für die, die sich mit Thema auskennen, zu redundant und für alle anderen wenig hilfreich sein. Hier wäre eine Kurzdarstellung der Grundprinzipien, wie sie z.B. Web 2.0-Benenner Tim O'Reilly selbst ausführt oder wie sie Markus Angermeier mit seiner Netz 2.0-Mindmap visualisiert eventuell hilfreicher gewesen sein. Dass die Anwendungen dann auf Ajax, XML und RSS basieren und Google Docs & Spreadsheets oder del.icio.us heißen, hätte man immer noch ergänzen können.
Del.icio.us und Google-Docs dienen hier denn auch als Hauptbeispiele, an denen die Kernelemente, besonders das Tagging, im Schnelldurchlauf erläutert werden.

Spannender ist der Abschnitt Bibliothek 2.0: Ein Paradigmenwechsel und selbst wenn man die landläufige Überstrapazierung des "Paradigma"-Begriffs nicht mag, so ist er hier doch eindeutig richtig platziert. Das Neue liegt in der Wechselseitigkeit, die Bibliotheksnutzer und Bibliothekare ("und andere "Informationsprofis") in einen gemeinsamen Informationssammlungs-, -aufbereitungs- und -verarbeitungsprozess führt. Die Bibliothek 2.0 scheint sich zu einer Plattform für informationsbezogenes Handeln zu entwickeln, wobei man beim konsequenten Weiterdenken des Konzeptes noch mehr von dem Althergebrachten in Frage stellen muss, als es die Autoren tun. Wenn der Nutzer zunehmend als ein die Bibliotheksangebote mitbestimmender Informationsprosument agiert, stellt sich die Frage, ob die Bibliothek noch Informationsdienstleistungen anbietet oder vielmehr Räume, in denen sich Information Life Cycles unter Beteiligung diverser Akteure vollzieht. Der - in meinen Augen schon jetzt missverständliche und missverstandene - "Kunden"-begriff wäre kaum noch zu halten - mehr denn je würden Nutzer wirklich "Nutzende" sein und darüber hinaus auch "Nutzen schaffende". Nachdem die kundenorientierte Bibliothek eine "just-in-time"-Konzeption im Sinne einer hochentwickelten Informationslogistik in ihr Zentrum rückte, wäre das Grundprinzip der die Bibliothek 2.0 nicht mehr nur "just-for-me", sondern darüber hinaus auch "just-by-me".

Ziel der Bibliothek 2.0 ist es nicht mehr, wie Patrick Danowski und Lambert Heller im Anschluss an Michael C. Habib betonen, eine "richtige" Benutzung der Bestände und Erschließungsmittel zu vermitteln.
Vielmehr stünde in der Konsequenz die Vermittlung von Gestaltungskompetenz sowohl hinsichtlich der Medien selbst, die in digitalen Umgebungen weitgehend flexibel sein dürften, und der Erschließung dieser Medien. Da eine Konsensfindung unter den diversen Akteuren mit dem Ziel einer allgemeingültigen Erschließungsmöglichkeit (z.B. einer Klassifikation) eher unwahrscheinlich ist, müsste die Bibliothek 2.0 offen für parallel existierende Zugangsformen sein, die auch Folksonomies oder Selfsonomies der Nutzer als gleichberechtigt akzeptieren. Wenn man fragt, wie man diese heterogenen Formen letztlich miteinander automatisch abstimmen kann, ist man gleich beim Themenspektrum Semantic Web.

Eine einfache praktikable Möglichkeit für eine bookmarkartige Selbst-Erschließung von Beständen ergibt sich aus dem von den Autoren erwähnten OpenURL System:
"Jeder einzelne Buchtitel und jede einzelne Ressource sollte durch eine permanente möglichst aussagekräftige URL angesprochen werden." Je nach Digitalisierungsgrad bzw. Volltextverfügbarkeit, so möchte man hinzufügen, sollte dies soweit flexibilisiert werden, dass man jedes vom Nutzer als bedeutungstragend eingeschätztes Informationselement bis hin zum Einzelwort entsprechend markieren und mit einem dauerhaften URI versehen kann.

Vom Bookmarken der Inhaltselemente zum Austausch der Verweise, aus denen sich dann eine Grundlage für die "Soziale Bibliothek" ergibt, ist es nur ein geringer Schritt und wenn man diesen Austausch mit entsprechenden "Recommender- und Popularitätsfunktionen" koppelt, schafft man sich die Bibliothek als "objektzentriertes soziales Netzwerk" (OSN).

Die Rolle der Bibliothekare kann in diesem Zusammenhang die einer "Moderation" in Form einer Sicherung der Informationsqualität sein, denn wie man im Amazon-Alltag sieht, ist Schwarmintelligenz hinsichtlich der Bewertung von Medien vorwiegend vom Populärgeschmack gelenkt, so dass sich mitunter gravierende Fehleinschätzungen hinsichtlich der Qualität und Relevanz eines Mediums ergeben. Auf den zukünftigen Lehrplänen der bibliothekarischen und bibliothekswissenschaftlichen Ausbildungsstätten wird sich folglich in Zukunft auch nutzerbezogene Sozialpsychologie in weitaus stärkerem Maße als bisher finden (müssen).

Patrick Danowski und Lambert Heller formulieren dies nicht so weit aus, zeigen aber auf, dass besonders der traditionelle Erfahrungsschatz aus Bibliothek und Dokumentation hinsichtlich der Möglichkeiten und Probleme inhaltlicher Erschließungsmittel in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung bekommt.

Jedoch findet sich bei allem Visionären die Entwicklung bislang in einem sehr rudimentäre Stadium, so zeigt sich am ausgeführten Beispiel des WorldCat, dass man sich oft zwar mitentwickeln möchte, dies aber eher vorsichtig tut und die sich abzeichnende Rollenverschiebung noch nicht so ganz akzeptieren mag. Der Auffassung, dass sich die Bedeutung der Bibliotheken in der Zukunft nicht mehr über die (Daten)Bestände sondern über die Benutzbarkeit als nutzeroptimierter bzw. -optimierbarer Zugangsweg definiert wird, will man sich an diesen Stellen offensichtlich noch nicht anschließen. Woanders (z.B. an der LMU München) ist man in diesem Punkt anscheinend offener.

Schließlich wird als letztes Anwendungsfeld, bevor sich die Autoren dem Selbstverständnis des Bibliothekar 2.0 zuwenden, das Phänomen Weblog als Schnittstelle für die Bibliothek-Nutzer-Kommunikation angerissen, wobei festzuhalten ist, dass Weblogs vor allem dazu geeignet scheinen, die Web 2.0-aktive Nutzer da abzuholen, wo sie sich nunmal befinden.

Der letzte Abschnitt ist der Aufruf zu einem Web 2.0-offenen Berufsverständnis. Ausgangspunkt ist die Überlegung, wie sich die Tendenz zur Bibliothek 2.0 in der Wissenschaft und in Wissenschaftlichen Bibliotheken umsetzen lässt. Dabei werden einige aktuelle Trends in der Wissenschaftskommunikation über Webplattformen aufgezählt (digitale Quellen- und Zitationsverwaltung, webbasierte Textproduktion, Review- und Annotationsprozesse über Web 2.0-Medien, Langzeitarchivierung) und die Frage nach der Rolle der Bibliothekare in diesem Kontext aufgeworfen.

Der sich anschließende Apell, neue Webmedien zu akzeptieren, wirkt dabei auf den Leser fast erschreckend: Sollte es tatsächlich so sein, dass die wissenschaftlichen Bibliothekare derart an ihrer Klientel vorbei arbeiten? Denn eigentlich gewinnt die Wissenschaftliche Bibliothek ihre Legitimation vorwiegend aus ihrem Nutzen für die Wissenschaft(ler). Dieser entsteht dadurch, dass die Bibliothek Publikationen sammelt, erschließt und verfügbar macht und auf diese Weise die Wissenschaftskommunikation kanalisiert und optimiert.
Wenn sich nun alternative Formen für diesen Prozess durchsetzen, die sich ohne jegliche Einbindung der wissenschaftlichen Bibliothek vollziehen, dann wird dieselbe spätestens obsolet, sobald ihre letzten Altbestände digitalisiert vorliegen. Ihr bliebe entsprechend nur noch die Bedeutung als Speicher für die Primärformen der Digitalisate. Ihre Kernaufgabe wäre jedoch dahin. Es verwundert vor diesem Hintergrund etwas, dass die Bibliothekare anscheinend diese Gefährdung nicht realisieren und eines solchen Weckrufes bedürfen.
Bei der Argumentation für die Einsetzbarkeit von Web 2.0 Elementen in der Wissenschaft, die man angesichts der von Wissenschaftsverlagsseite forcierten RSS-Dienste u.ä. kaum mehr betonen müsste, weisen die Autoren leider auf ein grundlegendes Element der aktuellen Wissenschaft nicht hin, nämlich dass diese schon eine ganze Weile zu großen Teilen kollaborativ verläuft. Dabei ist erstaunlich, dass die Bibliotheken dieser Notwendigkeit nach Zusammenarbeit bei der Erkenntnisproduktion bisher offensichtlich wenig Rechnung getragen haben bzw. wenig Rechnung tragen mussten. Jetzt, da sich ernstzunehmende Alternativen herausbilden, müssen sie sich wohl zwangsläufig darauf einrichten und "effektiv dabei helfen, diesen wertvollen Informationskreislauf zu schließen."


Berlin, 23.11.2006

Ben Kaden

Pomerantz/Stutzman: Collaborative reference work in the blogosphere

Mittwoch, 20. September 2006

Pomerantz, Jeffrey ; Stutzman, Frederic: Collaborative reference work in the blogosphere. In: Reference Services Review. 2/2006 (34) S. 200- 212

Das PDF ist hier abrufbar.


Reference und Blogosphäre

Die Blogosphäre dringt in die Bibliotheken. Dies allerdings eher langsam, was besonders dann gilt, wenn es weniger um zumeist privat initiierte Blogs von Bibliothekaren oder Bulletin-Board-artige allgemeine Informationsweblogs geht, sondern um konkrete Anwendungen, die erahnen lassen, was sich hinter dem Buzzword Library 2.0 verbergen könnte.

Einen kleinen Einblick in das, was ihrer Meinung nach in diesem Bereich passieren könnte, geben Jeffrey Pomerantz - Assistant Professor an der School of Information and Library Science at the University of North Carolina at Chapel und Frederic Stutzman, PhD-Student an derselben Schule, in ihrem Aufsatz.

Die Autoren gehen davon aus, dass das Weblog-Prinzip im Reference-Bereich gut einsetzbar wäre, auch wenn dies bislang noch nahezu überhaupt nicht geschieht.

Voraussetzung dafür ist ein Wandel der Grundstruktur von Reference-Dienstleistungen. Der klassische Dienst ist eine Eins-zu-Eins-Kommunikation zumeist vor Ort in der Bibliothek, die sich zu großen Teilen synchron vollzieht, d.h. der Bibliothekar versucht möglichst sofort die Antwort auf die Anfrage zu finden. Zum Teil muss er über ein Gespräch den Kern der Anfrage ermitteln.

Eine zweite Variante aus der WWW-Welt ist die E.mail-Auskunft. Dieser Typus ist – im Gegensatz z.B. zu Reference-Chats – asynchron, d.h. der Auskunftsbibliothekar ruft die E.mails mit Anfrage in der Regel zu einem späteren Zeitpunkt ab und hat entsprechend einen größeren Zeitraum für Recherchen zur Verfügung. Aber auch hier bleibt die Eins-zu-Eins-Situation bestehen.

Eine blogbasierte Auskunft greift dagegen auf das Community-Prinzip zurück. Beim „indirect reference“, kann mehr als ein Bibliothekar auf die Anfrage des Nutzers eingehen. Wenn ein Nutzer eine Frage stellt, besteht z.B. in der jeweiligen Blog-Community die Möglichkeit, dass weitere, u.U. zu diesem Thema kompetentere Personen auf die Frage eingehen. Daraus ergibt sich eine „Auskunftsshäre“ (Reference Sphere). Der Auskunftsdienst wird zu einem gemeinschaftlichen Handeln.

Kollaborative Ansätze, d.h. Collaborative Reference Work sind an sich nichts ganz Neues, sondern haben z.B. in Angeboten wie Ask MetaFilter (nichtbibliothekarische) Vorläufer. Eine andere, stärker auf die Möglichkeiten von RSS zurückgreifendes, bislang jedoch fast nicht genutztes Angebot soll Story Starters darstellen. Der Unterschied zu den schon vom Listserv bekannten Prinzip ist die Ausnutzung der technischen Grundeigenschaften von Weblogs. Entscheidend sind dabei der Permalink und das RSS-System.

Lyceum

Das Konzept der Autoren bezieht sich auf ein System namens Lyceum. Diese auf Wordpress aufbauende Software erzeugt eine lokale Blogosphäre, d.h. ein lokal begrenztes Blognetzwerk in dem die Vernetzung über gemeinsame Erschließungsoberflächen besonders strukturiert wird.

Lyceum stellt damit einen möglichen Ansatz für eine Art Meta-Blogging im Reference-Bereich dar.

Dabei gibt es zwei entscheidende Grundmerkmale:

Erstens ist das Content-Tracking über RSS gezielt und sehr flexibel einstellbar und zweitens kann das Post und Respond-Verhalten im Blog (z.B. blogometrisch) z.B. mittels Loganalysen (denn jede Anfrage ist über seinen Permalink direkt im Nutzungsverhalten gekennzeichnet) besser erfasst und ausgewertet werden.

Das Verfahren

Fragen werden grundsätzlich als Blog-Posting und Antworten durch die Bibliothekare als Comment eingeführt. Zudem werden die Fragen nach entsprechenden Fachgebieten, d.h. Kategorien thematisch geordnet.

Der Auskunftsbibliothekar kann sich via RSS seine relevanten Fachgebiete abbonieren und erhält per RSS-Feed neu eingehende Fragen. Der Nutzer kann sich ebenfalls über einen RSS-Feed sämtliche Antworten zu seiner Frage abbonieren.

Der Feed kann also über RSS-Filter nach Meta-Classifiern (“Kategorien”) eingegrenzt werden. Die Autoren sehen dabei vier Varianten von RSS-Streams:

1. die ganze (lokale) Blogosphäre
2. die Posts eines spezifischen Blogs
3. themenspezifische Posts
4. themen(kategorien)spezifische Posts in einem spezifischen Blog


Alle Fragen und Antworten finden sich in einem zentralen Blog-Repository archiviert und bilden so mit der Zeit eine Art Reference-Archiv auf das beim wiederholten Auftreten einer Anfrage zurückgegriffen werden kann. Auch können Antworten später jederzeit ergänzt werden.

Offene Fragen

Offen bleiben bei dieser recht einleuchtenden Idee natürlich Fragen z.B. danach, wie dieses System gepflegt werden kann und in welcher Form die Qualitätskontrolle erfolgt.

Auch wenn Auskunftsbibliothekare die Beantwortung der Fragen übernehmen, so wird sicherlich mindestens ein Administrator benötigt, der sich um das reibungslose Funktionieren der lokale Blogosphäre kümmert.

Zu ermitteln ist weiterhin, wie Nutzer das System annehmen würden. Konkret sehen die Autoren drei ungeklärte Aspekte:

1. Für wen und für welche Anfragen ist das System geeignet? : “Can community reference work serve the needs of all types of patrons with all types of information needs? Or is it necessary that the community be constrained by a common interest in difficult questions or some other limiting characteristic?” - S. 207

Kann das System umfassend eingesetzt werden oder bietet es sich eher für besondere Arten von Fragen an? Ebenfalls offen ist, ob sich alle Nutzer an einem solchen System beteiligen würden oder ob sich hier Experten treffen. Da die Erfahrungen mit solchen Modellen noch sehr gering sind, muss man vermutlich erst einmal Ausprobieren und so erste Eindrücke sammeln.

2. Wer übernimmt für die Beantwortung welcher Fragen?: „Fundamentally, the issue of credentials reduces to the question of who should be allowed to provide reference assistance, and in a situation of differentiated service, who should be allowed to provide what sort of assistance?“ - S. 207

Die Frage zielt auch dahin, inwieweit man ein solches System öffnet und die Community ausdehnt. Im Prinzip könnte man auch Bibliotheksnutzer für Antworten zulassen, sofern sie sich auf bestimmten Gebieten als Experten erweisen. Wo zieht man die Grenze und wie viel „paraprofessionalism“ lässt man zu? Wie sichert man an dieser Stelle die Informationsqualität?

Eine klare Antwort findet sich auch für diesen Punkt nicht: „Again, it is an empirical question as to what the appropriate level of openess or restriction is for blog reference in different environments.“ - S. 207


3. Wie verhält es sich mit dem Verweis von Anfragen an weiterführende Quellen/Experten, wenn eine Beantwortung im normalen Reference-Kontext nicht möglich ist? Die Autoren sehen hier die Lösung in der Blogosphäre selbst: „A patron may post a question in a reference blog that is out of scope for that particular blog or library. However, in a blogosphere, that post may then be automatically indexed in a meta-blog.” Diesen Meta-Blog gilt es allerdings ebenfalls erst zu initiieren.

Überhaupt ist der vorliegende Text hauptsächlich eine Überlegung, was möglich wäre. Konkrete Erfahrungen mit solchen Systemen liegen bislang kaum vor, entsprechend grau ist auch noch die Theorie. Lyceum hat z.B. als lokale Blogosphäre an der Johns Hopkins University eine Anwendung gefunden, allerdings nicht als Reference-Tool.

Web 2.0 und Library 2.0

Vielleicht muss man hier eine kleine Trennlinie zwischen Web 2.0 und Library 2.0 ziehen: Die Idee einer lokalen Blogosphäre ist sehr reizvoll und in akademischen Kontexten ausgesprochen sinnvoll und erfolgversprechend.

In bibliothekarischen Zusammenhängen, wo z.B. bei Auskunftsdiensten in jedem Fall eine Qualitätssicherung gewährleistet sein muss, scheint noch weitere konzeptionelle Arbeit notwendig zu sein. So ist z.B. die Frage, wie man die Anfragen zu bestimmten Kategorien sortiert noch völlig offen. Ein entsprechendes Kategoriensystem muss dabei einerseits die Ansprüche des Durchschnitts-Nutzers, anderseits die der Bibliothekare an inhaltliche Erschließung und drittens die Gegebenheiten des Mediums berücksichtigen. Wer sich Weblogs mit eher heterogenen Inhalten betrachtet, die zudem häufig „organisch“ gewachsen sind, d.h. eine Kategorie immer dann eingeführt haben, wenn ein Phänomen erstmalig auftrat, sieht die Schwierigkeiten bei der Bewahrung einer einheitlichen und logischen Kategorienstruktur. Tagging bietet sich hier eventuell als Alternative an, jedoch muss man sich hier auf ein einheitliches Vokabular einigen, das gepflegt und – gerade auch im Web 2.0 Bereich – ständig um Verweisformen u.ä. erweitert wird. Reine Folksonomies sind für ein bibliothekarisches Angebot, das auf eine möglichst vollständige Erschließung eines Informationsbestandes Wert legt, eher ungeeignet. Die Frage ist nun, in welcher Form und mit welchem Aufwand z.B. Tag-Thesauri entwickelt werden sollten.

Je mehr man sich in die Thematik hineindenkt, desto stärker wird bewusst, wie viel Entwicklungsbedarf im Bereich der Library 2.0 gegeben ist. Man kann im kommunikativen Wildwuchs des Internets durchaus funktionierende Formen offensichtlich nur entsprechend auf den Anwendungskontext angepasst übernehmen. Daneben gilt es sich auch Anwendungen zu entwickeln, die vorwiegend oder ausschließlich im Bibliotheksbereich funktionieren. Diese Anpassungen und Entwicklungen sind ein ganz gutes Themenfeld für eine zukunftsfähige Bibliothekswissenschaft und der vorliegende Aufsatz zeigt, dass man sich in dieser z.T. diesen Aspekten schon annimmt.

Inwieweit die deutsche Bibliothekswissenschaft sich hier einbringen wird, muss sich noch zeigen. Bislang, so scheint mir, befindet man sich bestenfalls in einem Stadium des Ausprobierens dessen, was möglich ist. Eine wirklich strukturierte Forschung auf diesem Gebiet gibt es nur in wenigen Ansätzen. Ich denke, dass z.B. gerade die Virtuellen Fachbibliotheken auf diesem Feld aktiver werden sollten.
Es geht – so ist meine Prognose – bei der Bibliothek der Zukunft nicht mehr nur hauptsächlich um die Bereitstellung von Information, sondern vielmehr um die Gestaltung des Umfeldes in dem diese Bereitstellung erfolgt. Wenn die Bibliotheken überlegen (auch wenn es wissenschaftliche Bibliotheken bislang noch nicht unbedingt nötig haben), wie sie Nutzer gewinnen und halten können, scheint der Community-Aspekt (inkl. einer community information-provision) ein ganz gut geeigneter Ansatz zu sein.

Berlin, 20.09.2006

Ben Kaden

Mi;Nesta/Marketing library services to the Net Generation

Mittwoch, 6. September 2006

Jia Mi; Frederick Nesta: Marketing library services to the Net Generation. In: Library Management; Vol. 27 No 6/7 2006, S. 411-422

- online -


„Finding the right way to achieve balance between traditional values and the expectations and habits of the wired generations will determine whether libraries remain relevant in the social, educational and personal contexts of the information age.“ (S. 419)


Die beiden Bibliothekare Jia Mi und Frederick Nesta beleuchten in ihrem Aufsatz „Marketing library services to the Net Generation” Möglichkeiten die so genannte „Net Generation“ über Methoden des Bibliotheksmarketings zu erreichen und betrachten dabei die Verschiebungen bei der Nutzung von Bibliothek und WWW-Suchmaschinen.

Als diese Generation gelten die Geburtsjahrgänge ab 1980, denen der Umgang mit Computern selbstverständlich und prägendes Element ist. Diese „Millenials“ stellen heute zunehmend den Anteil der Studierenden an Universitäten und sind entsprechend (potentielle) Nutzer der Universitätsbibliotheken.
Da sich aus dieser Studierendenkohorte auch der wissenschaftliche Nachwuchs der nächsten Jahre entwickeln wird, besitzen die Informationsnutzungsformen dieser Generation auch Relevanz vor dem Hintergrund der allgemeinen Wissenschaftskommunikation. Anders als die Vorgängergenerationen – und auch viele ihrer Professoren und Dozenten – sind sie ausgesprochen „tech savvy“, d.h. technikaffin im Bereich der Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, die das WWW bereitstellt. Sie kommunizieren vorwiegend – so die Autoren – über e.mail und Instant Messaging und auch für ihre Recherchen bevorzugen sie das Web gegenüber der Bibliothek.

Im Lernverhalten zeichnet sich diese Zielgruppe durch eine visuelle Orientierung gegenüber einer textuellen aus, bevorzugt das eigene Nachvollziehen gegenüber dem Auswendiglernen und erwartet – was man bei der Gestaltung von entsprechenden Diensten oder auch Lehrveranstaltungen beachten sollte – schnell Erfolgserlebnisse. Man kann demnach auch von einer gewissen Ungeduld mit einem ausgeprägten "Just-in-Time"-Anspruch ausgehen.

Das Bemerkenswerte im Verhältnis dieser Zielgruppe zur Bibliothek ist, dass die Bibliothek als Einrichtung zwar geschätzt aber nicht allzu gern genutzt wird. Diese webgeschulten Nutzer bleiben bei der Informationssuche zumeist direkt im Netz und dort vorwiegend bei Google. Dies sind – nicht nur hier – die beiden Pole der Betrachtung: die One-Stop-Search bei Google in einem kaum abschätzbaren virtuellen Datenkosmos und die Bestände und Zugangsangebote der Bibliotheken.

Das bequeme Recherchieren über den heimischen (bzw. Büro-,Universitäts-)Webzugang führt angesichts der steigenden Verfügbarkeit auch von Print-Inhalten (Stichwort: Google-Books) bei den Bibliotheken zu der nicht ganz unberechtigten Sorge, dass sie ihre Stellung als Kerninformationsversorger für die allgemeine Öffentlichkeit – was sie in Deutschland vielleicht auch gar nicht sind – und im akademischen Bereich – was sie auch in Deutschland sind – einbüßen. In der Terminologie des Marketing gesprochen: Die Bibliotheken verlieren Marktanteile. Immerhin haben – laut einer im Text zitierten OCLC-Erhebung – die allgemeinen Suchmaschinen mittlerweile in ihrer ca. 12jährigen Existenzgeschichte einen (leicht) höheren Wert an „Familiarity“ erreicht, als sie die seit Jahrhunderten existierenden Bibliotheken für sich beanspruchen können. Eine Ursache dafür sind nicht zuletzt – laut Francine Fialkoff, auf die Mi und Nesta verweisen – Marketingfehler.

Diese Feststellung aufgreifend versucht der vorliegende Aufsatz einige Hinweise zu geben, wobei hier einige Aspekte herausgegriffen und teilweise annotiert wiedergegeben werden.

Den Nutzer ins Zentrum

Schon lange ist im Marketingbereich bekannt, dass bei der Vermarktung weniger das Produkt und mehr der Kunde, im Fall der Bibliotheken der Nutzer, im Zentrum stehen muss. Hier liegt, so die Autoren, der Schlüssel zum Erfolg des Google-Prinzips. Die Suchmaschine verfolgt laut Eigenwerbung das Ziel „to organize the world’s information and make it universally accessible and useful“, welches die direkte Konkurrenz zu Bibliotheken aufzeigt.
Bibliotheken fokussieren jedoch traditionell weniger die extrahierte Information unabhängig vom Medium, sondern treten vielmehr als Sammler, Ordner und Erschließer von Medien in Erscheinung. Sie konzentrieren sich – übertragen gesprochen – im Angebot der Bücher in den Regalen und der Leseplätze auf den Verkauf, welcher darauf konzentriert ist, wie die Ware umgesetzt wird. Beim Marketing geht es dagegen darum, welche Ware der Kunde (in welcher Art und Weise) möchte. So gilt für Bibliotheken, dass Ausleihzahlen und die Menge der Nutzerausweise an Aussagekraft verlieren: „Marketing library services must then focus not on gate count or circulation figures as a success but on user satisfaction with library services.” (S.412)

Die Bibliothek als Marke

Es ist nicht überraschend, dass Bibliotheken als Markenzeichen nach wie vor das “Buch” haben. Dieses erhält seine Bedeutung sowohl als Objekt an sich wie auch als Speichermedium von Wissen oder Ideen. Meiner Meinung nach sollte dies auch als tradiertes Erkennungszeichen erhalten bleiben. Was sich ändern muss, sind die Dienste selbst und deren Vermittlung. Bei den Nutzern ist die Botschaft schon recht gut angekommen. Die OCLC-Studie Perceptions of Libraries and Information Resources aus dem Jahr 2005 zeigte jedenfalls, dass nur etwa ein Drittel der Befragten die Hauptaufgabe der Bibliothek beim Buch verortete, wogegen 52 % die Bibliothek als Information Provider sehen.
Darüber, ob die Ergebnisse in Deutschland ähnlich ausfallen würden, möchte ich an dieser Stelle nicht spekulieren. Für Mi und Nesta steht jedenfalls fest: „the library’s brand is not books, but information“ (S. 412), was für mich aber dennoch nicht gegen die Verwendung des Buches als Marken- und Marketingsymbol (und die Beibehaltung des Namens „Bibliothek“) spricht, da hier ein verhältnismäßig präziser Identifikationsgrad von Symbol und Gemeintem erreicht wird. Beispiele für die eindeutige graphischen Darstellung von „Information“, die an sich keinen gegenständlichen Ausdruck besitzt, sind mir dagegen Wenige bekannt.

Und auch die Autoren des Aufsatzes betonen – mit dem Vergleich Amazon und Barnes & Noble illustriert – den physischen/örtlichen Wert der Bibliothek, wobei die Rolle als Aufenthaltsort und Treffpunkt bzw. gemeinsamer Lernort sicherlich ein ausbaufähiges und die Bedeutung der Einrichtung potentiell förderndes Merkmal darstellt. Und letztlich ist die berühmte Serendipity, die beim Entlangstreifen an Regalreihen entsteht, eine ganz andere als beim Online-Browsen durch Produktlisten.

Für Universitätsbibliotheken gilt übrigens der nicht immer realisierte Aspekt, dass die Studierenden von diesen neben der Versorgung mit Fachinformation den Bibliotheksraum zusätzlich (oder auch ausschließlich) als sozialen Ort nutzen und eine Befriedigung auch ihres Bedürfnisses an „Alltagsinformation“ (z.B. die Tageszeitung) erwarten.

Die Vielfalt der Denk- und Lernstile und der sich wandelnde Markt

Mit einer Heterogenisierung der Lebensstile geht auch eine Vervielfältigung der Lern- und Arbeitsstile einher. Auch unterschiedliche Herkunftsformen führen zu unterschiedlichen Formen der Informationssuche und –rezeption. Die Autoren führen u.a. an, dass in China "book store visits“ für 15 % der Nutzer eine wichtige Rolle bei der Informationssuche und -rezeption spielen.

Dazu kommt mit dem Internet und seiner Entwicklung eine weitere Veränderung des akademischen Arbeitens: An vielen Punkten bietet sich einfach mehr Handlungsmöglichkeit bei der Recherche und zunehmend auch der Rezeption. Nach einer Untersuchung von Steve Jones und Camille Johnson-Yale aus dem Jahr 2005 verbringen 83% es Lehrpersonals an Colleges seit Einführung des Internets weniger Zeit in der Bibliothek. Auch hier verliert die Bibliothek Marktanteile. Als Resultat einer OCLC-Studie aus dem Jahr 2002 stand, dass für 79% der befragten Studierenden die Suchmaschine bei der Recherche für Hausarbeiten das First-Choice-Medium darstellt.
Und schließlich – um den Impact von Google noch einmal herauszustreichen - konnte Dean Giustini 2005 ermitteln, dass über Google Scholar sieben Mal so viele Besucher auf die Seite des British Medical Journal kamen, als über PubMed. (How Google is changing Medicine) Über “Google-Einfach” liegt die Zugriffsmenge übrigens beim 23fachen des PubMed-Anteils.

Angesichts von Google-Scholar und anderen neuen Produkten im Bereich der Suchmaschinen lässt sich ein Qualitätssprung feststellen und zwar sowohl bei den Suchmaschinen selbst wie auch bei der Qualität der erschlossenen und verfügbaren Quellen. Dabei erreicht man ein Quellenspektrum und z.B. in Gestalt kollaborativ erzeugter Dokumente Quellen, die so selten oder gar nicht in Bibliotheksbeständen zu finden sind.

Dieses, bzw. die große Menge elektronisch verfügbarer Dokumente, hat die Art und Weise der wissenschaftlichen Arbeit von Studierenden und Wissenschaftlern verändert.

„Unlike traditional research that relied in paper indexes, references, catalogues and notes, all with limited indexing terms, and produced papers that circulated slowly and narrowly, today’s researchers can search the full-text of millions pages of books and journals, current and ancient, and access library resources electronically and remotely. Equipped with PDA, laptop, iPod and digital camera, users can communicate by e-mail, download full text articles and produce work that may appear in print, in electronic format, or as multi-media format.” (S. 414f.)


Nicht nur die Recherchemöglichkeiten sondern auch die Produktionsmöglichkeiten von Dokumenten, sowie die Art der Dokumententypen erfahren demnach eine Pluralisierung. Zudem verkürzt das elektronische Publizieren den Zeitraum bis zur Veröffentlichung enorm. Die verlustfreie Duplikation von digitalen Dokumenten führt zu Verschiebungen im ökonomischen Umgang mit der „Ware“ Information: Nicht mehr der Informationsträger mit physischen Herstellungs- und Transaktionskosten steht im Mittelpunkt, sondern die Regulierung des Zugangs. Insofern ist es einleuchtend, dass die Autoren John Butt und Bart Harloe zitieren, die bereits 1997 meinten, dass die Bibliothek sich vom Bestandsaufbau verabschieden und zum Content Management hinwenden wird. Dabei spielt die Bereitstellung von so genannten „Non-Owned-Resources“ eine entscheidende Rolle.

Und genau an dieser Stelle sehen die Autoren das Vermittlungsproblem der Bibliotheken: Ihnen ist es bislang nicht gelungen, diese Facette ihrer Aktivitäten in ihr Selbstbild einheitlich und überzeugend zu integrieren, weshalb die Kommunikation dieses Aspekts häufig fehlläuft. Bei der Suche nach digitalen Inhalten ist nicht die Bibliothek sondern die Suchmaschine für viele Nutzer der „primary information provider“.

Dies gilt insbesondere für die „Generation Y“, also die Vertreter der „Net Generation“, die mit ihrem selbstverständlichen Umgang mit elektronischer Kommunikation und WWW neue Ansprüche mitbringen. Und genau diese Generation wird von den bestehenden Angeboten – auch Webangeboten – der Bibliotheken kaum erreicht.

Die OCLC-Studie zu „Perceptions of Library Resources..“ ergab, dass zwar 45% der Studierenden den Webseiten der Bibliotheken Relevanz für ihre Recherche zuschreiben, aber nur 2% ihre Recherche tatsächlich dort beginnen. Bibliotheken und ihre Angebote genießen an sich einen guten Ruf, gelten aber als zeit- und arbeitsaufwändig und verlieren daher gegenüber den Suchanbietern im WWW. Ökonomisch gesehen kostet die Arbeit in der Bibliothek vergleichsweise viel (Zeit und Aufwand), auch wenn sie in den Bereichen Verlässlichkeit und Präzision der Information gegenüber den Suchmaschinen als überlegen angesehen werden. Diese sind dagegen bequemer (convenience) und diese Bequemlichkeit und Schnelligkeit zählt bei der täglichen Informationssuche mehr als Qualität, was übrigens von Gerstenberger und Allen für Informationsangebote schon 1963 nachgewiesen wurde.

Library vs. Google

Eine Schwierigkeiten die Mi und Nesta sehen, sind die unterschiedlichen Ansprüche von Studierenden der Net Generation und Bibliothekaren. Überspitzt gesagt kann man vom Aufeinandertreffen eines bibliozentrischen und eines webozentrischen Weltbildes sprechen: die Studierenden sehen im Web ein Informations-Universum, in dem es irgendwo alles gibt was sie suchen. Die Bibliothekare dagegen sehen in der Bibliothek das Zentrum einer geordneten Wissensstruktur und der alle Quellen exakt geordnet und erfasst sind. Dem enträumlichten digitalen Universum tritt die „location“ entgegen: der Platz im System. Dies schlägt sich auch auf den Webseiten der Bibliotheken nieder, auf denen zwischen eigenen Beständen („owned material“) und externen Quellen, für die der Zugang gestellt wird, unterschieden.
Die Net Generation bevorzugt allerdings die Globalsuche: sie interessiert nicht, ob die gewünschte Information aus einer Quelle der eigenen Universitätsbibliothek oder von einem entfernten Server stammt. Zudem gelten Bibliotheken mit ihrer klassifikatorischen Erschließung als zu kompliziert und autoritär, manchmal – so die Autoren – auch einfach nicht als „cool“ gestaltet d.h. z.T. als Modell als unzeitgemäß. An dieser Stelle ist zusätzlich allgemeine Imagearbeit notwendig.


Was können die Bibliotheken tun?

Es besteht Konsens darüber, dass die Nutzer eine nahtlose One-Stop-Suche über alle Bestände und externen Zugänge bevorzugen. Idealerweise kann der Recherchierende diese dann selbst wieder nach bestimmten Kriterien einschränken. Allerdings empfiehlt es sich nicht, eine „super-Google application“ oder eine andere Art von Google-Konkurenz entwickeln zu wollen.

Die Bibliotheken müssen andere Lösungen finden, wobei die Chancen nicht so schlecht stehen, denn nach wie vor werden sie von ihren Zielgruppen genutzt. Die Bibliotheksnutzung in den USA nimmt laut einer ALA-Studie sogar zu: 2005 benutzten dort zwei Drittel der Personen mit einem Alter über 18 Jahren eine Bibliothek – 30 Jahre zuvor waren es weniger als ein Viertel. Die Ursache dafür liegt in einem allgemein gestiegenden Informationsbedürfnis und Informationskonsum. Die Nutzungsformen WWW und Bibliothek schließen sich dabei nicht aus, sondern können im Idealfall als Ergänzung zueinander stehen.

Dies gilt es für die Bibliotheken zu fördern: Sie müssen die Informationskonsumenten aktiv ansprechen und diesen auf deren Bedürfnisse zugeschnittene Dienstleistungen bieten.

Bei der Gestaltung von Webangeboten sind die Bibliotheken bislang zu stark auf den Bestand (sowie die Darstellung desselben) und zu wenig auf Aspekte wie die Navigation orientiert. Das Wie, mit denen die Nutzer zu den gewünschten Informationen kommen, gilt es anzupassen. Die Internet-Suchmaschinen und andere WWW-Angebote und die dort üblichen Nutzungsformen und Suchstrategien sollten in das Angebot der Bibliotheken eingebunden werden.

Häufig anzutreffende und mit großem Aufwand erstellte Subject Guidesverfehlen häufig die avisierte Zielgruppe. Eine pragmatischer Anbindung z.B. in elektronische Lernplattformen (Course Guides in Course Management Systemen) ist hier für Universitäten die bessere Variante. Auch typische Merkmale des Web 2.ß, wie das Blog-Prinzip und besonders RSS, werden von den Autoren als Bestandteil von Bibliotheksangeboten im Web empfohlen.

Neben der Funktionalität gilt es auch, die visuelle und interaktive Gestaltung des Angebotes stärker mit den Nutzerbedürfnissen abzugleichen – die Net Generation bevorzugt, entgegen dem Bestreben vieler eher textorientierter Angebote wissenschaftlicher Bibliotheken – graphisch ausgestaltete WWW-Oberflächen.

Nachdem die Bedürfnisse der Nutzer evaluiert sind, gilt es die visuelle und interaktive Gestaltung der Bibliothekswebseiten anzupassen. Mehr Visualisierung! Für die Net Generation

Das steht im Widerspruch zu dem Bestreben wissenschaftlicher Bibliotheken, ihre Seiten möglichst wenig graphisch zu gestalten. Als Beispiel wird z.B. EBSCOs Visual Search genannt.

Und schließlich: Das traditionelle Bibliotheksgebäude war auf die Sammlung ausgerichtet und der Nutzer musste sich dem anpassen. Heute scheint sich der Trend umzukehren. Bibliotheksraum soll flexibel sein mit verschiedenen möglichen Raumnutzungsformen, die auf verschiedene Lerntypen zugeschnitten sind. (Gruppenarbeit, Einzelarbeitsplätze, bequeme Lesenischen, Diskussionsräume, Cafe, längere Arbeitszeiten)


Fazit

Am Ende steht also die (nicht ganz neue, aber hier noch einmal verdeutlichte) Erkenntnis, dass die Bibliotheken, sofern sie im WWW-Zeitalter gegen die Suchmaschinen-Konkurrenz auf Augenhöhe bestehen wollen, stärker nutzer- und zugangszentrierter und weniger sammlungsorientiert arbeiten müssen. Dabei gilt es Google und andere Suchmaschinen nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu begreifen. Um dies überzeugend zu können, müssen die Bibliotheken ihre Vorteile ausbauen bzw. neue Dienstleistungsformen entwickeln, die der Informationssuche und –rezeption der „Net-Generation“ angemessen ist.
Solches lässt sich selbstverständlich auch als Aufgabenfeld einer Bibliothekswissenschaft sehen, die einerseits die Pluralisierung informationelle Handlungsvielfalt erfasst und andererseits Leitlinien für eine angemessene Abstimmung bibliothekarischer Angebote entwickelt. Da dies ein Rückkopplungsprozess ist, der aber mit Google bzw. den Suchmaschinen sowie den boomenden Web 2.0-Applikationen weitere innovative Akteure in die Nutzer-Bibliothek-Beziehung einbindet, bieten sich hier potentiell Gestaltungsmöglichkeiten, wobei die Innovationskraft der finanziell und personell zumeist besser ausgestatteten kommerziellen Angebote vermutlich als höher zu bewerten ist. Aber wenigstens beim Entwickeln von kreativen Lösungen, also als Think Tank, könnten Bibliotheken und Bibliothekswissenschaft wirksam sein - dies nicht zuletzt um die eigene Position zu stärken.


Berlin, 06.09.2006

Ben Kaden

Wencel/Telefonie in konvergenten Netzen..

Donnerstag, 27. Juli 2006

Wencel, K.: Telefonie in konvergenten Netzen ist besonders gefährdet. In: iwp 57 (4) S.231-233 (2006)

Wer noch nichts über Pharming, Phreaking, Phishing,Spit, Clipping, DoS oder Voice-Bombing gehört hat, erfährt hier, dass er IDS, bzw. das SRTP (Secure Realtime Transport Protocol) von Siemens braucht. Ob diese Aussage einer Reklame, oder der Veritologie entsprechend, ein Faktum ist, wird sich noch erweisen müssen. Wobei in der Wissenschaft schon seit langem Veritologie auf lange Sicht die beste Reklame ist. Messinstrumente, Reagenzien oder auch Medikamente verkaufen sich, wenn wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sie eindeutig am präzisesten, zuverlässigsten oder am wirksamsten sind. (W. Umstätter)

Nacke/Veritologie...

Donnerstag, 27. Juli 2006

Nacke, O.: Veritologie – Wahrheitskunde: ein neuer Name für eine neue Disziplin. In: iwp 57 (4) S.226-229 (2006)

Veritologie ist eine neue Wissenschaft, wenn die herkömmliche Wissenschaft es aufgegeben hat, rücksichtslos nach Wahrheit zu suchen, weil immer mehr Wissenschaftler, oder besser gesagt Pseudowissenschaftler, sich gezwungen sehen, das zu publizieren, was man von ihnen erwartet, im Gegensatz zu dem was sie als „Wahrheit“ erkennen. Dabei steigt das Interesse der lobbyistischen Finanziers an bestechlichen Pseudowissenschaftlern mit dem zunehmenden Gewicht der Wissenschaft bei allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsfindungen. Dies ist somit zweifellos ein wachsendes Problem, das dazu führt, dass man unter Stichworten wie fraud in science oder Wissenschaftsbetrug bei Recherchen zunehmend Treffer erzielt.

Nacke zählt 10 „Definitionen des Begriffs ’Wahrheit’“ auf. Sie kommen aus verschiedenen Kontexten und sind damit verschiedene Aspekte des Gesamtproblems, wobei die Feststellung, dass Wahrheit die „Übereinstimmung der Erkenntnis mit der objektiv-realen Wirklichkeit“ ist, den Kern wohl am ehesten trifft, denn das ist es, was eine wissenschaftliche Theorie leisten muss. Im Gegensatz zu dem oft zu hörenden Satz, „Das mag in der Theorie so sein, in der Praxis ist das ganz anders.“, handelt es sich bei dieser Aussage um eine Hypothese, die sich eben nicht verifizieren lässt, also auch nicht der Veritologie unterläge.

Der Beitrag Nackes wirft also damit die Frage auf, ob die herkömmliche Wissenschaft sich als Veritologie erneuern muss, oder, und auch das wäre denkbar, dass moderne Dokumentation sich als Veritologie versteht, die Widersprüche, Betrügereien oder einfache Fehler aufdecken hilft. Eine der wichtigsten Aufgaben der Dokumentation in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts war z.B. Doppelarbeit zu verhindern. Die Aufgabe, die Produktion von Unsinn bzw. Unwahrheit zu minimieren, ist noch immer eine klassisch bibliothekarische bzw. dokumentarische. Im allgemeinen geschah und geschieht dies in Bibliotheken und Dokumentationen schon dadurch, das vergleichbare, widersprüchliche oder auch sich ergänzende Publikationen so zusammengestellt werden, dass die Benutzer dieser Systeme sich selbst ein fundiertes Urteil bilden können. Nackes Aufruf, es wäre wünschenswert, wenn die Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis der Veritologie einen angemessenen Platz einräumen würde, ist somit durchaus bedenkenswert. (W. Umstätter)

Pasternack/Fachinformationssysteme..

Donnerstag, 27. Juli 2006

Pasternack, P.: Internetgestützte Fachinformationssysteme aus dem 18.Jahrhundert? In: iwp 57 (4) S.223-226 (2006)

Die Frage ist sicher provokativ gemeint. Ist die Vorstellung bei den Fachportalen, dass alles Wissen, das relevant sein könnte, „über jeweils einen themenzentrierten Ort abrufbar sein“ sollte, „der enzyklopädischen Idee des 18. Jahrhunderts verhaftet?“ (S.223) Und führt dies zum „information overload“? Der Referent kann dieser Einschätzung nicht folgen. Denn 1. gibt es für Informationsspezialisten keinen „information overload“ sondern gerade den Mangel an zuverlässiger Information, der sie ja zwingt, mit allen Ticks relevante Informationen zu finden. 2. Die scheinbare Informationsflut entsteht bei vielen Laien nur dadurch, dass sie im Wettbewerb mit ihren Konkurrenten, um die bessere Information, möglichst alles und überall suchen, was hilfreich sein könnte. 3. Die Idee der Enzyklopädisten war weniger, alle Informationen dieser Welt zusammenzutragen, als vielmehr, diese durch Vernetzung und Vergleich in möglichst verlässliches Wissen zu komprimieren.

Die „kleine Wunschliste“ (S.224-225) des Autors, dass Informationsangebote frei übersetzt, besser zugänglich, leichter recherchierbar, flexibler bei zukünftigen Herausforderungen und näher am Bedarf sein sollten, ist einerseits ohne Zweifel richtig. Andererseits fragt man sich, ist Google schwer zugänglich, nicht leicht recherchierbar, zu starr in seiner Entwicklung oder nicht am Bedarf orientiert? Nein. Es geht hier um die Fachportale. Und damit ergibt sich die Frage, warum werden diese nicht googleartig, vergoogelt oder googlig? Der Grund ist vermutlich der, dass man gerade den höheren Anspruch der Fachwelt bedienen will und muss, und das erfordert bekanntlich den Informationsspezialisten nicht nur auf der Produzentenseite, sondern auch auf der Rechercheseite. Hier hat die Stefi-Studie in die falsche Richtung gewiesen. Spitzenwissenschaft braucht mehr Informationsspezialisten und nicht Endnutzer, die als informationswissenschaftliche Laien in Google herumstochern. Denn das ist das Verführerische für Laien, wenn sie recherchieren, sie können meist nicht beurteilen, ob sie alles Wichtige, das Wesentliche, nur ein Prozent dessen oder noch weniger gefunden haben. Sobald sie etwas finden, haben sie ein Erfolgserlebnis, dass nur der Informationsspezialist zerstören kann, wenn er ihnen aufzeigt, was sie alles hätten finden können bzw. müssen. Beim Autor heißt das: „In der Unüberschaubarkeit wird der sich mündig Orientierende zwangsläufig strukturell entmündigt.“ (S.224)

Im Zusammenhang mit der Bemerkung: „Aus Sicht des Finanziers stellt sich ... die Frage nach der Finanzierbarkeit ...“ ist es nicht uninteressant daran zu erinnern, dass man bei der Einführung von Online-Retrievalsystemen in den siebziger Jahren festgestellt hat, dass ein Rechercheur in einer Stunde etwa das leistet, was man beim Bibliografieren in gedruckten Systemen in 24 Stunden zu leisten vermochte. Heute, bei Angeboten, die um ein Vielfaches größer sind, können wir ganz grob sagen, dass Bibliothekare durch Rationalisierungen dieser Art etwa hundertfach leistungsfähiger sind als ihre Vorfahren vor hundert Jahren. Das ist nicht außergewöhnlich, da Rationalisierungseffekte dieser Größenordnung in anderen Berufen ähnlich sind. Ein Teil dieser Einsparungen geht bekanntlich zu Lasten der Arbeitslosigkeit, ein anderer auf neue Berufe, wie Programmierer, Hardwareproduzenten, etc. Die Problematik ist natürlich noch sehr viel komplexer, wenn man bedenkt, wie viel Zeit viele Wissenschaftler mit mangelhafter Informationskompetenz bei ihren Internetrecherchen aufbringen, dies aber tun, weil sie damit noch mehr Zeit in ihrem wissenschaftlichen Wettbewerb sparen.

Wenn es also, wie der Autor schreibt, von einer „angebots-, zu einer strikt nutzerorientierten Informationsbereitstellung“ kommen soll, dann ist die Frage, wer die Nutzer sind. Wissenschaft erfordert höchste Professionalität, und den Bau von Wolkenkratzern überlässt man auch nicht den Heimwerkern, auch wenn die Baumärkte boomen. Die Entwicklung in den USA geht in Richtung QuestionPoint, Steigerung der Leistungsfähigkeit der Reference Librarians und Rationalisierung über Wissensbanken. Dies ist eine deutlich andere Position des Referenten, sie mit der Argumentation des Autors zu vergleichen bietet sich an.
(W. Umstätter)

Rosemann/Volltextabfrage...physisches Buch

Donnerstag, 27. Juli 2006

Rosemann, L.: Die Volltextabfrage und das Alleinstellungsmerkmal des physischen Buches. In: iwp 57 (4) S.217-218 (2006)

Nicht ohne Grund versucht der Autor zu belegen, warum auch bei einem Buch mit Volltextretrievalangebot ein Register sinnvoll, oft sogar notwendig sein kann. Der Grund ist im Prinzip einfach. Man kann nur Gegenstände suchen, von denen man weiß, dass es sie gibt. Insofern regt ein gutes Register oft erst dazu an etwas zu suchen. Das hier aufgeworfene Problem ist aber ein anderes. Ausgehend von Google Book Search, wird mit Recht darauf hingewiesen, dass dieses Angebot sicher nicht immer kostenlos bleiben wird – spätestens, wenn die Ebene des fair use verlassen wird. Google schickt sich also an, einer der größten Verlage, Buchhändler oder auch die größte kommerzielle Bibliothek der Welt zu werden. Möglicherweise ist es dann als global paradox, alles in einem, mit vielen weltweit Mitarbeitenden, die in lockerer Abhängigkeit zum Mutterkonzern stehen. Vor dieser Konkurrenz fürchten sich mit Recht heute viele Verlage, während sich andere noch mit Vorstellungen von Bibliotheken und deren Missbrauch eines veralteten Urheberrechts beschäftigen. Vermutlich ist dieser Nebenschauplatz wichtig, wenn sich Google Book Search in aller Ruhe entwickeln können soll.

Der entscheidende Punkt, auf den der Autor hier aufmerksam macht, ist, dass gegenüber bisherigen Volltextabfragen, man den Volltext nicht mehr lesen, durchblättern und bei Belieben ausdrucken kann. Die neuen Angebote trennen die Möglichkeit, jedes Wort zu suchen davon, diese Worte auch in einem oft notwendigen Kontext lesen zu können. Der Trend, für alles Gefundene, und auch das nicht Gefundene, zu zahlen, steigt weiter an. Wie das geschieht, wird kurz angedeutet, mit dem Fazit: „Der Paradiespförtner wird sicherlich irgendwann ein Eintrittsgeld verlangen.“

Wie weit dabei Register die Qualität erhöhen, ist sicher eine interessante Frage. Möglich ist es. Sicher ist auch, dass die Verstimmung von Informationskäufern, bzw. Erwerbern von Dokumentnutzungsrechten, steigt, wenn sie zunehmend die Erfahrung machen, dass das, was sie suchen, und dass was sie erhalten, nicht übereinstimmt und somit den Preis nicht Wert ist. (W. Umstätter)

Currás/Informationism and neural information assimilation

Donnerstag, 27. Juli 2006

Currás, E.: Informationism and neural information assimilation. In: iwp 57 (4) S. S.203-210 (2006)

Dass Information nicht nur ein wichtiges Thema unserer Zeit ist, sondern ein fundamentaler Begriff der menschlichen Gesellschaft, wird hier aus sozialwissenschaftlicher Sicht von einer Chemikerin und Professorin der Informationswissenschaft in Madrid festgestellt, historisch zu belegen versucht und definitorisch verankert. Dabei geht die Autorin nicht nur zurück bis auf Sokrates und Plato, sie streift auch kurz Thomas von Aquin, Albertus Magnus, Descartes u.v.a. Da man bei der Frage, was Information ist, aber immer unterscheiden sollte, was vor und was nach dem Werk von Shannon und Weaver 1949 geschrieben und gesagt wurde, ist ihr Vergleich der Zitate von Michailov, Buckland, Dretske, Hill, Henrichs, Capurro, McCrank, Katuscák, Matthaeidesová, Nováková, Zaragoça u.a. nicht uninteressant. 61 Referenzen belegen ein breites thematisches Spektrum von der Philosophie, über die Informationstheorie, zu den sozialen Aspekten, bis hin zu den „Neuronal theories“ oder der „Cosmic information“.

Warum es gerade bei den „neuronal theories“ wichtig ist, auf Shannon und Weaver als „starting point“ zurückzugehen, ist unklar. Denn diese Theorie war sicher nicht weniger der Start für die moderne Genetik mit der DNS als Informationsträger, für die Nachrichten-, Satelliten- und Computer Technik oder die Kybernetik. Erst letztere hatte dann großen Einfluss auf die Neurobiologie. Das wirklich fundamentale an der Informationstheorie war die Erkenntnis, dass Information weder Energie noch Materie ist, sondern Entropie, und dass Entropie, wie Boltzmann zeigen konnte, als eine statistische Größe Ordnung messbar machte. Dies konnten all Diejenigen die vor diesem Paradigmenwechsel lebten nicht wissen. Viele danach können es bis heute noch nicht glauben, weil Ordnung als Summe statistischer Wahrscheinlichkeiten in einem Maßsystem, das nicht wie Meter, Kilogramm oder Sekunde linear, sondern erstmals mit logarithmischer Skalierung gemessen wird, ein fundamentaleres Verständnis von Information erfordert, als das gemeinhin der Fall ist. Mit dieser Theorie ergab sich auch für die alte Wissenschaft der Semiotik (im Sinne der Kirchenväter, die die Zeichen Gottes zu verstehen suchten und der mittelalterlichen Medizin) eine völlig neue Bedeutung, weil Shannon und Weaver erkannten: „information must not be confused with meaning“. Die Bedeutung von Zeichen ist per definitionem Gegenstand der Semiotik und sie hat die Informationstheorie als Fundament. Insofern ist es in dieser Arbeit höchst interessant zu sehen, wie weit sich diese Erkenntnis, 57 Jahre nach dem publik werden der Informationstheorie, ausgebreitet hat.

Die Behauptung bezüglich der Information: „Its energetic nature is interesting.“ (S.206) findet immer wieder ihren Weg in die Publikationsorgane, obwohl es eindeutig ist, dass Information, Redundanz und Rauschen, mit der Maßeinheit bit, ein Maß für Ordnung, und nicht für Energie in Joul ist. Dass auf dieser Basis, von Informationstheorie und Semiotik, „a new area of knowledge“ (S.209), gemeint ist vermutlich era of knowledge, entsteht, ist schon heute deutlich erkennbar. Gerade darum wird es immer wichtiger, eine konsequente Wissenstheorie auf dem soliden Fundament der Informationstheorie aufzubauen.
(W. Umstätter)

Altenhöner, R./Langzeitarchvierung und –verfügbarkeit als strategische Aufgabe

Donnerstag, 27. Juli 2006

Altenhöner, R.: Die Last des Erbe(n)s Langzeitarchvierung und –verfügbarkeit als strategische Aufgabe im BMBF-Projekt „Kooperativer Aufbau eines Langzeitarchivs digitaler Informationen (kopal)“ In: iwp 57 (4) S.197-202 (2006)

Dass Langzeitarchivierung ein wichtiges Thema unserer Zeit ist, steht außer Frage. Dass darum Beiträge wie dieser wichtig sind, ebenfalls. Inzwischen ist die Diskussion über Verfilmung versus Digitalisierung auch weitgehend in den Hintergrund getreten. Um so wichtiger ist es, Projekte wie kopal oder nestor zur Kenntnis zu nehmen und Abkürzungen wie DIAS, OAIS oder koLibRi in den richtigen Zusammenhang zu bringen. Auffallend ist dabei zunächst, dass bei dieser Thematik Abkürzungen, wie SGML und XML im Text nicht ins Auge fallen, wenn man bedenkt, dass spätestens bei der ISO-Standardisierung von SGML klar war, dass man in den USA auf diese Auszeichnungssprache als digitaler Archivierungssprache setzte. Insofern muss man bei diesem Beitrag das Kleingedruckte lesen, wenn in drei Grafiken die Buchstaben XML immer wieder auftauchen.
(W. Umstätter)

Samulowitz/Gründungsgeschichte der ... (iwp 57 - (4))

Samstag, 22. Juli 2006

Samulowitz, H.: Zur Gründungsgeschichte der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation. iwp 57 (4) S.191-196 (2006)

Wir haben in Deutschland seit Jahrzehnten eine Diskussion darüber, ob die DGD 1941 oder 1948 gegründet wurde. Dabei ist ein Trend zu erkennen, der dazu führt, dass man die Gründung von 1941 immer weniger ignoriert und damit dieses Ereignis auch aufarbeitet. Der Hintergrund dessen ist einfach. Knüpft man an die Gründung der Nationalsozialisten 1941 in Berlin oder an die Nachkriegs-DGD 1948 in Köln an? Tatsache ist, dass man nach dem zweiten Weltkrieg mit einer nationalsozialistischen DGD nichts mehr zu tun haben wollte.

Insofern muss man sich fragen, warum hat ein erfahrene Autor wie Samulowitz das alte Thema nun noch einmal aufgearbeitet.(1)
Er hat dabei nicht nur die Einsichten von H. Arntz, E. Behrends, M. Buder, M. Komorowski, W. Ruske, G. Simon oder P. Spence Richards berücksichtigt, sondern auch auf die Rolle des 1941 stellvertretenden Vorsitzenden der DGD Maximilian Pflücke (neben dem 1. Vorsitzenden Prinzhorn) hingewiesen. Dieser war Herausgeber bzw. Chefredakteur des „Chemischen Zentralblattes“. Außerdem war er ab 1949 Professor für Dokumentation an der Humboldt-Universität zu Berlin.(2) 1951 wurde Prof. Pflücke mit dem Nationalpreis für Wissenschaft und Technik der DDR ausgezeichnet.(3) 1950 entstand in der DDR die Zentralstelle für wissenschaftliche Literatur, die 1957 wieder aufgelöst wurde und ihre Aufgaben dem Institut für Dokumentation bei der Akademie der Wissenschaften übertrug. Das Institut koordinierte die Dokumentationsstellen zentral, von denen es 1960 in der DDR 185 gab. Sein erster Direktor war Pflücke.(4)

Schon 2003 haben Samulowitz, H. und Ockenfeld, M. sehr beeindruckend darauf hingewiesen, wie sich die Dokumentation zu jener Zeit des Nationalsozialismus aufgespalten hat. Einerseits in die friedliche, die globalisierende, von LaFontaine, Otlet u.a., und andererseits in die kriegswichtige von M. Pflücke, R. Kummer und vielen anderen. Das moderne Bibliotheks- und Dokumentationswesen bekam zwei Gesichter, von dem viele eines bis heute nicht wahr haben wollen. Die Nationalsozialisten hatten die Macht des modernen Bibliothekswesens ebenso erkannt, wie u.a. Lazarsfeld, P. und Lasswell, H. in den USA, die die deutschen Tageszeitungen dokumentierten und analysierten, um kriegswichtige Erkenntnisse zu gewinnen.(6) Der Unterschied war nur der, dass man sich in Deutschland damals entscheiden musste, modernes Bibliotheks- und Dokumentationswesen mit den Nationalsozialisten zu betreiben, oder in Opposition zu beidem zu treten. Krüß sah sich in dieser Konsequenz 1945 gezwungen Selbstmord zu begehen.(7) Das ist das Problem großer Macht, sie erfordert zwangsläufig ein hohes Maß an Verantwortung.

Eine andere Alternative in solchen Situationen ist der passive Widerstand, den Prinzhorn darin erkannte, dass seine wissenschaftliche Beamtenschaft „mehr oder weniger aus Nullen“ bestand, wie er meinte.(8) Auch in der DDR gab es ohne Zweifel Menschen, die sich entscheiden mussten, die Macht des Wissens für die DDR zu nutzen, oder sich im Bibliotheks- und Dokumentationswesen stärker historisch zu orientieren – eine bibliothekarische Form des passiven Widerstands, die somit bei den Nicht-Nazionalsozialisten sichtbar wurde.

Pflücke hatte sehr deutlich erkannt, dass „ein Maximum an Wissen und Erkenntnissen aus der Feindliteratur und deren Auswertung im militärischen, wissenschaftlichen sowie industriellen Sektor erstrebt werden muß. Deswegen sei auch die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation entstanden und der Zentralnachweis für ausländische Literatur geschaffen worden.“(9)

Man kann also die Schwäche des heutigen deutschen Bibliotheks- und Dokumentationswesen nur verstehen, wenn man die historischen Zusammenhänge kennt. Sie verschwinden aber immer mehr in den Köpfen der Nachkommenden, so dass manche heutige Situation kaum noch verständlich ist.

Wenn beispielsweise R. Havemann die Einbeziehung der alten DGD in ein modernes Dokumentationswesen 1945 ablehnte, versteht man, warum die Nachkriegs-DGD sich auch in Westdeutschland immer auf ihre Gründung 1948 berief.(10) Nun, da diese janusköpfige Dokumentation, deren Publikationsorgan in Deutschland die „Nachrichten für Dokumentation“ waren, und die iwp (Information Wissenschaft & Praxis) heute ist, weitgehend sang und klanglos verstarb(11), lebt die moderne Digitale Bibliothek neu auf. Aber auch in ihr wird man die Frage klären müssen, „Was hat der Staat im Informationswesen zu tun, und was hat er zu lassen?“(12) Das Machtpotential des Bibliothekswesens zu unterschätzen war und ist dabei immer eine große Gefahr, gleichgültig wer es nutzt oder missbraucht. Tatsache ist aber, dass wissenschaftlich dokumentiertes Wissen für bzw. gegen Menschen eingesetzt werden kann, und dass in Kriegszeiten, wenn es gegen Menschen geht, die man dann als Feinde bezeichnet, die Geheimhaltung zunimmt. Darum ist es auch wichtig daran zu erinnern, dass LaFontaine „1939 vor den Deutschen aus Belgien fliehen musste.“(13)

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Fußnoten
(1) E. Gering: Die Gründer der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (2004) http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/gering.pdf Der Autor sieht das interessanterweise umgekehrt: „In der langen Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation ... sind die im „Dritten Reich“ liegenden Wurzeln dieser Gesellschaft, soweit sie ihr gesellschaftspolitisches Umfeld betrafen, immer mehr in den Hintergrund getreten.

(2) Ockenfeld, M. und Samulowitz, H.: Libraries and Documentation in Germany: A Long-Lasting Conflict. http://www.chemheritage.org/events/asist2002/26-ockenfeld-samulowitz.pdf

(3) http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/gering.pdf

(4) http://eprints.rclis.org/archive/00004981/01/MagisterarbeitMichaelRieck.pdf

(5) Samulowitz, H. und Ockenfeld, M.: Bibliothek und Dokumentation – eine unendliche Geschichte. ipw. 54 () 453-462 (2003)

(6) Naisbitt, J.: Megatrends S. 14. Heyne Sachbuch Nr. 01/7235 (1985)

(7) Umstätter, W.: 75 Jahre Bibliothekswissenschaft - Rückblick und Ausblick, in: Petra Hauke (Hg.): Bibliothekswissenschaft - quo vadis? = Library Science - quo vadis? Eine Disziplin zwischen Traditionen und Visionen: Programme, Modelle, Forschungsaufgaben. München: Saur, (2005)

(8) Samulowitz, H. S. 195; iwp 57 (4) 191-196 (2006)

(9) Alfred Karasek: Sitzung der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation am 6.9.44.
http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/Karasek.pdf

(10) Samulowitz S.196

(11) Umstätter, W.: Bibliographie, Kataloge, Suchmaschinen. Das Ende der Dokumentation als modernes Bibliothekswesen. Bibliotheksdienst 39 (11) 1442-1456 (2005)

(12) Samulowitz S.196

(13) Samulowitz S.195

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(W. Umstätter)