LIBREAS-Blogs, bei wordpress

Freitag, 21. August 2009

Der LIBREAS-Referate-Blog wurde mit den anderen LIBREAS-Weblogs verschmolzen und ist mittlerweile unter http://libreas.wordpress.com/ bzw. http://libreas.wordpress.com/category/libreasreferate/ verfügbar.

Bei dieser Gelegenheit sei als Schlusspunkt unter diese Plattform ein Verweis auf ein recht intensiv diskutiertes Blogposting bei Haferklees Ausblicke über das Schweigen im Bloggerwald zur aktuellen Bibliotheksfachliteratur gesetzt.

LIBREAS-Blogs, alle bei wordpress

Freitag, 21. August 2009

Der LIBREAS-Referate-Blog wurde mit den anderen LIBREAS-Weblogs verschmolzen und ist mittlerweile unter http://libreas.wordpress.com/ bzw. http://libreas.wordpress.com/category/libreasreferate/ verfügbar.

Bei dieser Gelegenheit sei als Schlusspunkt unter diese Plattform ein Verweis auf ein recht intensiv diskutiertes Blogposting bei Haferklees Ausblicke über das Schweigen im Bloggerwald zur aktuellen Bibliotheksfachliteratur gesetzt.

Vom schlechten Lesen und wie die Neurowissenschaft dieses verabschiedet

Samstag, 17. Januar 2009


Anmerkungen zu:

Stein, John (2009): Our reading's bad - but not that bad. In: Standpoint. Issue 8 (January 2009) S. 54
Online: www.standpointmag.co.uk/node/726/full

von Ben Kaden

Zum Einstieg der Ausstieg. John Stein, emeritierter Professor für Neurowissenschaften an der University Oxford, schließt seinen Ausflug in die Lesetheorie mit folgender Passage:


However, if the finer points of spelling and the complicated rules of where to put an apostrophe are really instruments of social control and establishing status, one has to ask whether these skills are really going to be necessary in the 21st century. Now that computers can become an extension of one's cognition in the same way as a violinist's bow becomes an extension of his hand, PCs could perhaps do the dogsbody work of reading and re-enfranchise our poor readers, allowing their brains to do the things they're much better at. Perhaps we should abandon social control by the tyranny of the complicated rules of grammar and illogical spelling and recognise that tomorrow's children may not need to learn to read at all.

Mit radikalen Thesen fängt man sich die Aufmerksamkeit ziemlich sicher. Aber manchmal ist es schon des Guten reichlich. John Stein holt im allgemein als konservativ gestempelten britischen Magazin Standpoint mit seinen Standpunkt mächtig weit aus, wenn er für die Abschaffung der Rechtschreibung (oder ihrer komplizierten Elemente) eintritt und mehr noch das Ende des Lesens voraussagt, welches, von ihm anscheinend nicht ganz unbegrüßt, die Computertechnik herbeiführen soll.

Sein Forschungsschwerpunkt betrifft das Phänomen der Dyslexie, was die Motivation des Ansatzes in gewisser Weise erklärt. Die Argumentation aber nicht. Dyslexie erweist sich als ein akutes und kontrovers diskutiertes Thema. Immerhin sind bis zu einem Fünftel der Menschheit betroffen, wobei es je nach Sprachkultur (bzw. Orthografie, vgl. DOI:10.1126/science.1057179) Unterschiede zu geben scheint. Allerdings führt Stein an, dass im Vereinigten Königreich 30 Prozent der Bevölkerung das Lesevermögen von 11-Jährigen besitzen. Ob er in der absoluten Zahl von 20 Millionen auch die unter 11-Jährigen berücksichtigt, wird nicht differenziert. Ebenso, ob ein solch begrenztes Lesevermögen als dyslexisch einzustufen ist oder motivational bedingt ist. Und wo die Grenze zu ziehen wäre. Im Jahr 2001 sprach der Autor von "5-10% of children, particularly boys, are found to be dyslexic" (DOI:10.1002/dys.186) Vermutlich meint er also in der Gesamtabschätzung beides, aber generell dreht es sich darum, herauszufinden "who will find reading most difficult". Es gibt einen Weg in Form einer Methode, die Stein in seiner wissenschaftlichen Laufbahn sehr stark vertreten hat und es hier auch wieder vornimmt. Allgemein scheint die Dyslexie auf der physiologischen Ebene in einer eingeschränkten Fähigkeit zur Verarbeitung bestimmter visueller Information zu beruhen. Diese Annahme bildet die Grundlage von Steins "magnocellular theory of dyslexia" (vgl. DOI:10.1016/S0166-2236(96)01005-3). Wie sie wissenschaftlich bewertet wird, lässt sich sicher in den entsprechenden Journals nachverfolgen. Die Popularisierung seiner Überlegungen in einer Publikumszeitschreift dürfte nicht allzu nachhaltig wirken. Der Grund dafür liegt gerade im Herauslösen aus dem wissenschaftlichen Umfeld, also im Untermischen einer eher fragwürdigen Ausdeutung sozialer Differenzierungseffekte aufgrund von Lesefähigkeit sowie einem eigenwilligen Verständnis von den Möglichkeiten der Computertechnologie.

Stein stellt zutreffend fest, dass der Mangel an Lesekompetenz die Entwicklungs- und Handlungsoptionen in einer durch und durch auf Sprachsymbolen und Texten basierenden Kultur deutlich einschränken kann. Entsprechend liegt das Ziel aller Leseförderung darin, die Menschen in einer textuellen Umwelt verstehensfähiger und damit sozial kompetenter werden zu lassen, also die Teilhabemöglichkeiten an der Gesellschaft zu erhöhen. Die neurobiologische Einschränkung der Lesefähigkeit zieht demnach oft deutliche Konsequenzen im sozialen Kontext nach sich. In der Mehrzahl der Schulfächer spielen Lesen, Verstehen und Schreiben von Texten eine zentrale Rolle, mit der Folge, dass Schüler, die damit Probleme haben, an sie gestellte Anforderungen schwieriger erfüllen können. Leider wird diese konkretisierbare Facette von Stein gar nicht berührt. Ihm geht es um einen angenommenen allgemeinen sozialen Ausschlusscharakter von Rechtschreibung.

Neurobiologisch geht er davon aus, dass das Lesen generell eine Zumutung darstellt, denn das menschliche Gehirn ist eigentlich nicht so recht zum Lesen gemacht:
"It is the most complex skill that most of us who don't aspire to be concert pianists or advanced mathematicians have to master."

Rhetorisch ist der Autor jetzt bei der Mehrheit, die vom Lesenlernen sehr gefordert ist: Aus 30% mit niedrigen Lesefähigkeiten sind "most of us" geworden, was natürlich die Dringlichkeit von Steins Ansatz unterstreicht. Nun steht die große Masse einer kleineren Elite, denen das Lesen und vielleicht auch noch das Musizieren und Mathematik leichter fällt, gegenüber. Warum Lesen im Vergleich zu anderen Fähigkeiten herausragend komplex ist, wird leider nicht begründet. Die berühmte Erfahrung zeigt jedoch, dass allein schon das sichere Bewegen im Raum hochgradig komplex ist. Man merkt es nur nicht mehr, weil es ab früher Kindheit verinnerlicht ist. Sprechen - mitsamt der komplizierten Grammatik - ebenso. Und so mancher verinnerlicht das Lesen in gleicher Weise und wundert sich daher, dass es so außergewöhnlich komplex sein soll.

Das Problem für das Gehirn liegt, so Stein, in der detaillierten Sequenzierung von Einzelbuchstaben. Nicht jedermanns Wahrnehmung bewältigt diese ohne Probleme, zumal wenn es Unterschiede zwischen Klang und Schreibweise eines Wortes gibt. Als Gewährsmann führt er einen Mönch an, der sich im 13. Jahrhundert deutlich und schriftlich belegt über die körperliche Last, die er beim Lesen empfindet, beschwert. Das Lesen mit gebeugtem Rücken ging ihm buchstäblich an die Nieren. Man sollte daher vielleicht besser über die Körperhaltung als über den Rezeptionsprozess reflektieren. Ein stützendes Argument ergibt sich aus dem Zitat jedenfalls nicht zwingend. Eher eine Assoziation mit der Grundschulzeit.
Stein meint aber eigentlich, dass der Mensch nicht so auf eine derart feingliedrige Wahrnehmung ausgerichtet sei, wie sie das Erkennen, Aufgliedern und Wiederzueinanderordnen der Buchstaben erfordert. Die Lettern sind kleine visuelle Partikel, welche in die richtige Reihenfolge gesetzt werden müssen, um die korrekte Entsprechung zu finden. Man könnte nun über das Verhältnis von Bedeutung und Zeichen und die Möglichkeiten, Bedingungen und Grenzen sprachlicher Abstraktion sprachphilosophieren, aber die semantische Ebene interessiert Stein wenig. Konkret ("a tree is a tree") oder abstrakt? ist keine Frage, nicht einmal ein Thema. Ihn stört der dem Menschen seiner Meinung nach nicht sonderlich zupass kommende Zwang zum Detail, dem auch noch negativ anhaftet, dass er den Blick auf das Ganze verdeckt:

"Often children and dyslexic poor readers are better at seeing large-scale relations across whole scenes and information fields than good readers. That may be why dyslexics so often make good artists and entrepreneurs"
Wie hart der wahre Kern dieser Aussage ist, soll lieber nicht beurteilt werden, aber die mögliche implizierte Schlussfolgerung erscheint doch ein wenig abenteuerlich: Wer gut und exakt liest, verliert sich in der Einzelheit und wem dies nicht gelingt, der behält eher den Überblick. Die Alltagserfahrung lehrt, dass beides auch zusammengeht. Absolut ist diese These also sicher nicht brauchbar und obendrein relativiert die Anspielung auf den Erfolg Steins eigene Annahme der sozialen Differenzierung aufgrund von Lesefähigkeit: Er unterstellt in Hinblick auf die Rechtschreibung, dass diese bewusst vertrackt gehalten wird, um soziale Unterschiede zu zementieren. Je schwieriger die Rechtschreibung, d.h. je mehr sich Schreibung und Aussprache unterscheiden, umso deutlicher wird der Zweck "to define how well educated you were":

"So to keep the in-crowd privileged, spelling had to be kept fiendishly difficult."

Obwohl es natürlich einen Unterschied zwischen privilegiert und erfolgreich geben kann. Was Sprache angeht, nimmt man jedoch landläufig an, dass es gerade im Vereinigten Königreich die Aussprache ist, die den Unterschied macht. Darüberhinaus, wiederum ein Erfahrungswert, ist davon auszugehen, dass es auch ganz andere, nicht in Schriftzeichen fixierte Codes und Verhaltensweisen gibt, die soziale Grenzen ziehen. Es empfiehlt sich durchaus, wieder einmal den Bourdieu aus dem Regal zu nehmen. Und schließlich folgen selbst bzw. gerade Slang und Jugendsprachen, denen man orthodoxes Befolgen von Duden oder OED (Oxford English Dictionary) beim besten Willen nicht unterstellen mag, genau diesem Ziel: Insider von Outsidern zu unterscheiden. Dem "Spelling" solch eine Funktion unterschieben zu wollen ist vielleicht sogar legitim. Es aber darauf zu begrenzen überhaupt nicht.

Dass Stein schließlich ausgerechnet mit der Lesefähigkeit aufräumen möchte, um die Gesellschaft zu egalisieren, wirkt - vorsichtig formuliert - etwas wunderlich. Selbst wenn 20 Millionen Briten Probleme mit dem Lesen haben, so kommen doch 40 Millionen weitere damit anscheinend statistisch recht gut zurecht. Es ist nicht ganz nachvollziehbar, wieso Stein annimmt, dass diese 2/3 eine Kulturtechnik aufgeben wollen, die sie gut beherrschen und die ihnen vermutlich im Alltag auch weiterhilft, z.B. wenn sie den Standpoint lesen. Es ist ebensowenig nachvollziehbar, wieso andere Faktoren, die Ungleichheit - und dies vermutlich weit wirksamer - produzieren und reproduzieren in keiner Weise zum Aspekt der Lesefähigkeit ins Verhältnis gesetzt werden. Der Zusammenhang wird schlicht unterstellt und dann unglücklicherweise zur Tyrannei ausgerufen.

Was bleibt, ist ein Tyrannenmord und als Dolch im Gewande fungieren die digitalen Kommunikationsmedien, die gern verkürzt als "Computer" beschrieben werden, und die, wie man oft, aber nicht explizit bei Stein, hört, das Schreiben und Lesen verdrängen.

Nun ist der Computer aber viel näher an der Schrift, als beispielsweise das Fernsehen, das während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon ziemlich viel Zeit hatte, das Publikum auf textferne Informationsvermittlung zu orientieren. Das Radio noch länger. Den Computer jedoch - und nicht etwa das Fernsehgerät - sieht Stein als Erweiterung der Kognition, analog zum Violinenbogen, der dem Violinisten die Hand erweitert.
Der Vergleich stimmt und er stimmt nicht. Der Computer ermöglicht tatsächlich eine aktive, schnelle und direkte Interaktion und dies mit einer neuen Wahrnehmungssphäre. Aber bezogen auf Kommunikation ist er nicht ausschließlich: Eine andere Kommunikation, ein anderer Zugang zum Text, ist möglich. Der Violinist kann die Violine nur sinnvoll mit dem Bogen spielen. Er muss diesen führen, will er Musik machen. Die Gleichsetzung von Kognitionswerkzeug Computer und Musikinstrument erfolgt also entweder sehr unreflektiert oder mit der Implikation, dass der Computer alternativlos sein wird.

Dies wird häufiger in den virtuellen und gedruckten Raum gestellt, scheint aber nur die klassische Diskussion ums Fernsehen zu wiederholen. Und selbst wenn dem so wäre, fänden sich keinerlei Anzeichen, dass der Computer so wirkt, wie es Stein sich vorstellt: Als ein Instrument, dass den Leseprozess automatisiert und das Gehirn für "Zweckmäßigeres" freisetzt. Was sollte das sein? Eigenartigerweise vernachlässigt Stein, dass der Leseprozess selbst als Bestandteil des Kognitionsprozesses erscheint, auch bei der Computernutzung. Vielleicht meint er auch nur, dass die Regeln von Orthografie und Grammatik bei der digitalen Kommunikation gelockert werden, an Unschärfe gewinnen durfen und man ein Informationsbedürfnis nur irgendwie in den Computer einwirft und dieser dann im semantischen Netz das passende Befriedigung heraussucht und mundgerecht vorsetzt oder vorliest. Es gibt so manchen Vorteil, der in den Erwartungen an das Semantic Web - bislang meist fern jeder Realisierung - eine Rolle spielt. Dass der Computer dem Menschen jegliche Textarbeit und damit die Möglichkeit der Informationsauswahl aus den Händen nimmt, ist ein ziemlich zweifelhafter.

Jedes Verstehen von Text setzt einen kognitive und individuelle Kontextualisierung voraus, die wiederum im Semantic Web nach dem angedeuteten Szenario eine Übereinstimmung des individuellen Verständnishorizontes mit einer maschinenlesbaren Entsprechung erfordert. Die Unschärfe im Denken muss automatisch in eine Schärfe im Retrieval umgesetzt werden. Gerade dies wäre aber nur über den mühsamen Umweg des Zeichens überhaupt annähernd in Umsetzung zu denken. Das Eichhörnchen der Befreiung vom quälenden Lesen könnte sich mühsamer nähren, als Stein es wahrhaben möchte. Von der Erwünschtheit eines solchen Zieles ganz zu schweigen. Der Reduktionismus auf die soziale Differenzierungsfunktion von Lesefähigkeit führt zu einer Ausklammerung der tatsächlichen Funktion von Rechtschreibung und Grammatik: Satzzeichen, Apostrophe, Neben- und Hauptsätze und auch spezifische Schreibweisen erfüllen durchaus sinnstrukturierende Aufgaben, die im Idealfall gerade auch bei einer Phonetisierung von Geschriebenem helfen sowie die Betonung ins richtige Verhältnis zum Gemeinten zu setzen. Es geht darum, die semantische Relation von Gedanken und Ausdruck möglichst eindeutig gestaltbar zu machen. Zurecht nimmt man an, dass Computer eindeutiger funktionieren, als die menschliche Sprache. Allerdings sind auch noch weniger fehlertolerant.

Auf welcher Seite sich also eine Tyrannei auftäte, ist noch einmal zu hinterfragen. Stein bezieht sich vermutlich im Kern auf eine bestimmte Form sozialer Bewertung, die sich in einer Rechtschreibnote niederschlägt. Aber so problematisch Einschätzungen dieser Art in vielen Fällen auch sind, so sinnvoll vielleicht auch die von ihm so propagierte Methode magnozellulär orientierter Lehrformen - wie auch immer diese konkret aussehen - sein mag: In der Schlußfolgerung schießt er sehr über das Ziel hinaus und mitten in den Widerspruch hinein: Warum noch eine neue Methode und große Anstrengungen zur Verbesserung der Lesefähigkeit, wenn sie die nächste Generation gar nicht mehr benötigt?

Fazit: Die recht krude geschusterte Argumentation Steins scheitert daran, dass er eine spezifische Möglichkeit der Anwendung von Sprache, nämlich die der sozialen Differenzierung auf der Grundlage der Kompetenz im Umgang mit Rechtschreibung und Grammatik, maßlos überbetont und die eigentliche Funktion von Sprache, nämlich Verständigung, idealerweise über eindeutige, bestimmten Regeln folgende Formulierungen, nahezu ausklammert. Der Ausflug in die Neurophysiologie ist zu knapp gehalten, um überzeugen zu können und wie Computer den zur bloßen Zwecktätigkeit degradierten Leseprozess für den Menschen übernehmen sollen, bleibt draußen vor dem Bildschirm. Dass gerade dieser reglementierte Leseprozess Teil des Denkens sein könnte und die Grundlage auch für den Gedanken an das Ende des Lesen erst möglich macht, wird nicht reflektiert. Die Ablösung eines relativen Extrems (richtig schreiben und lesen) durch ein absolutes (nicht mehr schreiben und lesen) scheint wirklich nicht erstrebenswert. Man neigt beinahe dem ersten Online-Kommentar zum Thema beizupflichten: "You're nuts." Was Stein und Standpoint mit dem Beitrag wirklich im Schilde führen, ob sie provozieren wollen, bleibt unklar. Auf der syntaktischen Ebene, also der der "complicated rules of grammar and illogical spelling" ist der Text übrigens einwandfrei.

Der Tod des Autors, seine Wiederkehr und sein Verschwinden in der Digitalität.

Donnerstag, 8. Januar 2009


Anmerkungen zu:
Rombes, Nicholas (2008): The Rebirth of the Author. In: Kroker, Arthur; Kroker, Marilouise (Hg.): Critical Digital Studies. A Reader. Toronto: University of Toronto Press. S. 437-441

von Ben Kaden

Die Postmoderne fand im Punkte der Autorenschaft womöglich ausgerechnet im positiven Wissenschaftsverständnis einen frühen Verbündeten. Dies vielleicht sogar früher, als man postmodern dachte. Denn in einer eindeutig erkennbaren, erfassbaren und womöglich kontrollierbaren Welt spielt es weniger eine Rolle, wer sie erkennt, sondern, dass sie nur erkannt wird. Der Wissenschaftler für die Wissenschaft, der Funktionsschreiber lebte, als der Autor noch längst nicht für tot erklärt wurde. Roland Barthes rief den mort de l'auteur mit literaturwissenschaftlichem Hintergrund in den späten 1960er Jahren aus und wurde reichlich missverstanden. Das Herauspflücken einer schlagkräftigen Formulierung, verwischt manchmal etwas zu sehr den Kern der Sache und alle, die tatsächlich den Tod des Autors vermuteten, hätten durchaus einmal bei der Tatsache stutzen können, dass gerade der, dem diese Feststellung zugeschrieben wird, als Autor zu konkreten Identifikationsindividuum erwächst. Nicholas Rombes, Professor für Literatur an der katholischen University of Detroit Mercy, rückt genau dieses Missverständnis in der Mittelpunkt und zwar von der Feststellung ausgehend, dass der Autor zu Zeiten der digitalen Kommunikation gar nicht im Nirwana ist, sondern leicht feststellbar überall. Und dann doch wieder nirgends.


Je stärker der Autor als verschwunden und Mythos beschworen wurde, desto präsenter erschien er. Jedes Distanzieren führte nur zu einem stärkeren Kult. Lars von Trier wollte buchstäblich dogmatisch in keinem seiner Filme mehr als Urheber erwähnt werden, was, da sich die Metamedien ja nicht daran halten, ihn vielleicht sogar gerade dadurch zu dem bekannten Regisseur werden ließ, als der er gilt. Letztlich hat Barthes wohl den Autor durch die Proklamation dessen Todes erst richtig zum Leben erweckt, weil als Diskursbezuggröße massiv aufgebaut.


Vielleicht meinte Barthes seinen Essay gar nicht so streng wissenschaftlich, wie dieser oft rezipiert und diskutiert wurde. Medium der Erstpublikation in den äußerst Bathes-affinen USA war nämlich, worauf Rombes hinweist, das Avantgarde- und frühe Multimediablatt „Aspen“ und zwar die „Minimal Issue“ (Aspen No. 5+3, Item 3) wo er neben Susan Sontags Text über die Ästhetik des Schweigens erschien.


Das Missverständnis liegt nun darin, dass bestimmte (nicht genannte) „career academics“ die Überlegungen Barthes nicht als Idee, sondern als Manifest ihrer Zeit lasen. Sowohl die ihn verstanden zu haben glaubten, wie die, die ihn verwarfen, taten dies leider so absolut, wie man sich Wissenschaft nun mal vorstellt, nahmen ihn selten als das, was der kleine Text eigentlich war: „playful, slippery, aphoristic, and often poetic“ und schoben ihn in einen so trockenen wie humorfreien und streng wissenschaftlichen Zusammenhang. Ziel ganzer Folgegenerationen von angehenden Wissenschaftlern war es, so Rombes, alles bourgeoise und damit auch die Rolle des Persönlichen, Individuellen soweit als möglich aus ihren Arbeiten zu tilgen. Oder kurz: Die Freuden des Textes („the pleasures of the text“), die nicht studiert, sondern gelebt werden. Willkommen in der harten Wissenschaft.


Worum es (wohl auch bei Barthes) geht, wurde selten benannt: Nämlich das der Autor kein Gott ist, der autonom eine Welt schöpft, sondern, dass in jedem Werk dahingehend ein Eigensinn steckt, dass der Autor mehr kombiniert, was er sieht, erfährt, erfühlt und in eine eigene Form gießt, als dass er etwas Niedagewesenes auf den Tisch wirft. Nicht das Original zählt, sondern die Kombination und wie sehr wir in einer kombinatorischen Kultur, im Kult des Zitats leben, führt uns die Schlüsseltechnologie Hypertext vor Augen.


Dank der leichten, spielerischen und vielfältigen Ausdrucksformen, die WWW und Web 2.0 so bieten, ist die Autorenschaft, die objektiv nie verschwunden war, nun prominenter denn je. Die Hürde von Lektorat und materiellen Publikationsgrenzen ist gefallen. Jeder kann mit wenig Mitteln und so wie er es für richtig hält.

Persönliche Websites und Blogs, schreibt Rombes, bringen den Autoren in eine „tyrannical presence“. Das Verwischen von öffentlicher und privater Sphäre hat dazu geführt, dass wir nun alle Autoren sind – „We are all auteurs.“ Wir sind alle Schriftsteller, alle (Youtube-)Filmemacher und in unserer Selbstbezüglichkeit alle Theoretiker dessen, was wir tun. Gerade im Web gilt Anonymität, so Rombes, als ein Zeichen von Schwäche – oder, so kann man ergänzen, eben auch als eines von Stärke, je nachdem, von welcher Popularitätshöhe man sich als Autor zurückzieht. Für einen Sänger namens Prince, der das Spiel mit den Zeichen bis hin zu seinem nicht aussprechbaren „Love Symbol“ 1992, als kurz vor dem WWW, sehr gut beherrschte, führte die Distanzierung von jeglichem Namen gerade nicht konsequent in die Vergessenheit seiner Individualität. Da hätte er besser das Aufgehen der eigenen Person in einer Band mit einem großen Namen versuchen sollen, aber dies war auch gar nicht sein Ziel. Der Tod des Autors erscheint vielmehr in der freundlichen Form als Spiel mit Identität und Identitätszeichen. In der verknöcherten Variante dagegen als posthumaner und daher der menschlichen Wesensart ferner Unsinn.


Die Individualität kehrt, so schreibt Rombes und so liest man es auch anderen Stellen, beispielsweise mit der Blogscience mehr denn je in die Wissenschaft zurück. Auch in die Hard Sciences. Der Science Citation Index, wohl einst als neutrales Werkzeug zur Wissenschaftsmessung gedacht, ist schon seit er bekannt wurde in der Nebenfunktion Barometer von ganz individuellen Ausdrucks- und vor allem Reputationswünschen. So scheint es, Rombes Text als Rückendeckung genommen, als zöge die Etablierung von Blogs als anerkannte Formen der Darstellung mehr oder weniger originärer wissenschaftlicher Erkenntnis hier einfach das Mäntelchen der vermeintlich objektiv-rationalen Textproduktion durch „Funktionsschreiber“ zur Seite, vielleicht um es in die Schmutzwäsche zu werfen, vielleicht um es gänzlich auszusondern. „Confronted with the spectre of the public sphere, academics are learning to write again“ überzieht der Autor Rombes den Bogen dann auch ein wenig. Immerhin: Vielleicht gab (und gibt) es sie wirklich einmal, die Schreiber, die Text kreierten und hinter diesem verschwinden, wie Übertragungsmedien. Die dominierende Textproduktion im digitalen Umfeld wird jedoch nicht mehr von Schreibern vorgenommen, auch nicht von Autoren, sondern von protokollierenden Maschinen. Rombes deutet dies an, aber leider eben nur das. Schade, dass er es nicht auf den Punkt bringt, aber vielleicht sieht er es auch etwas anders.


Denn eigentlich existieren in der digitalen Sphäre ein schönes Nebeneinander von Autorenschaften: Kollaborative Schreibprojekte wie die Wikipedia, die partout jegliche subjektive Färbung auszumerzen versucht, die Subjektivität des Avatars, hinter dem sich einer oder mehrere Akteure verstecken können, der Autor, der deutlich nachvollziehbar und klarnamentlich seine eigenen Texte ins Spiel bringt und über allen, der Metatext der Hypertexte: Die Datenbankstruktur, die XML-strukturierten Schnipsel, die Zugriffsstatistiken, Klickraten, die Protokollierung jeder Aktivität im Netz – ein sich selbst permanent schreibender, bedeutungsfreier Übertext, in Kooperation von Mensch und Maschine verfasst und mehr von der Maschine als vom Menschen lesbar.


Der Fluß fließt also zugleich in zwei Richtungen: Einerseits wird das Web individueller denn je, mit Millionen täglichen Urhebern, die meist genannt sein wollen, manchmal aber auch mehr oder weniger selbstlos zurücktreten hinter dem Ziel, Wissen und Geschehen der Welt in einer entpersonalisierten Web-Enzyklopädie zusammenzuspeichern. Andererseits macht die freie Kombinierbarkeit, Filterbarkeit, das beliebigen Zusammenstellen, Kopieren und Verweisen des Hypertext-Universums aus all dem potentiell unendlich viele, automatisch erzeugbare Texte. Google ist ein permanenter Autor, das Internet Archive genauso, mein Netvibes auch und die diversen Datenbanken sind ebenfalls dynamische Sammelbände ohne Ende. Sie sind Autoren, weil sie durch die Kombination von menschlich erzeugten Texten, Bildern, Filmen und ähnlichen, mit automatisch generierten Verknüpfungen, Ähnlichkeiten und Metadaten Textstrukturen hervorbringen, die Mensch je so gedacht hat und auch kaum denken kann. Die Idee kommt hier vom Menschen, die Ausformulierung erfolgt automatisch. Was diesen selbsterzeugenden Übertexten jedoch fehlt und was sie von jedem vom Menschen erzeugten Text unterscheidet, ist der Aspekt der Bedeutung. Die automatischen Texte sind den automatischen Autoren bedeutungslos, buchstäblich übrigens, denn sie weisen aus dem in ihnen erfassten digitalen Universum kein Bit hinaus. Und was drinnen ist, ist aufs letzte Bit erfasst. Sie sind abgeschlossen und in sich perfekt, wenn paradoxerweise auch nie fassbar, da hochgradig selbstreferentiell. Und für den Menschen nur eingeschränkt begreiflich.


Gegen diesen perfekten Text bzw. gegen das allgemeine Bestreben der immer präziseren Erfassung und medialen Remodellierung der Realwelt, also eine technologisch hergestellte „a more perfect, flawless reality“ setzt Rombes den Autor als imperfektes, fehleranfälliges, mehrdeutiges, irrationales und daher menschliches Wesen. In einer offensiveren Schreibart hätte er vielleicht sogar seinen Text daraufhin zuspitzen können, dass es notwendig erscheint, um den menschlichen Autor in seiner Inkommensurabilität zu bewahren, ab und an die perfekten Texte zu unterlaufen, in dem man Texte neben der Digitalität thematisiert. Denn es scheint nicht so sehr verfrüht, danach zu fragen, wie und ob es überhaupt möglich (und auch erstrebenswert) ist und sein wird, Texte und Öffentlichkeit jenseits dieser verfassen und rezipieren zu können.




Alle an Bord! Noa Aharony und die Notwendigkeit des "Web 2.0" in den LIS-Curricula.

Donnerstag, 10. Juli 2008


Anmerkungen zu:
Aharony, Noa (2008): Web 2.0 in U.S. LIS Schools: Are They Missing the Boat? In: Ariadne, H. 54.
Online verfügbar unter http://www.ariadne.ac.uk/issue54/aharony/

von Ben Kaden

In der Januar-Ausgabe der Zeitschrift Ariadne erschien ein kleiner Beitrag des israelischen Informationswissenschaftlers Noa Aharony, in dem er die vorläufigen Ergebnisse einer Studie zu der Fragestellung, wie sehr das Thema "Web 2.0" in den Curricula US-amerikanischer Bibliotheksschulen verankert ist, vorstellt. Nicht sehr, so das Ergebnis. Aber es sollte, so Prämisse wie Ergebnis. Und daraus ergibt sich auch ein wenig das Problem des Beitrags.

In Rückgriff auf den viel zitierten Kaliper-Report aus dem Jahr 2000 (hier das PDF) der den schönen, von der Aufbruchsstimmung ins 21ste Jahrhundert geprägten Titel "Educating Library and Information Science Professionals for a New Century" trägt, werden drei der sechs im Report ermittelten Trends für das ausgehende letzte Jahrhundert herausgestellt:

  1. Es kommt zu einer Verschiebung von der Institution Bibliothek hin zum Phänomen "Information" ("from a library-focused model to an information-focused paradigm")
    Der Report selbst spricht eher von einer Erweiterung der Ausrichtung ("in addition..", "broadening"), aber die Interpretation des Autors bleibt sicher im Rahmen des Möglichen und in jedem Fall in dem der Realität.
  2. Die Ausbildung wird inter-(bzw. multi-)disziplinärer und vor allem "User centered".
  3. Informationstechnologie spielt eine zunehmende Rolle. Wichtig ist, laut Kaliper-Report, die Studierenden an der "cutting edge of
    existing and new technologies as they become available." auszubilden.


Die Trends Nummer 4 (Spezialisierung im Rahmen des Programms), Nummer 5 (Formale Flexibilität der Curricula, Fernstudium, etc.) und Nummer 6 (Diversifikation der Abschlüsse) spielen für das Thema keine vorrangige Rolle.

Wichtig ist für den Autor, dass die Bedeutung von Information ("creating power and wealth") auch in anderen Ausbildungsdisziplinen in den Mittelpunkt rückt. Die Folge ist, dass Absolventen aus dem LIS-Bereich nicht mehr erste Wahl ("first pick") bei der Besetzung von Stellen im Informationsbereich sind. Sie stehen also mit (Wirtschafts-)Informatikern oder Kommunikationswissenschaftlern in direkter Konkurrenz. Folgerichtig wurden die Curricula vieler LIS-Schulen, wie der Autor bemerkt, um Themen wie "the social context of information technology, changes in use and user behaviour, human-machine interaction and information technology, information economics, communication skills, information policy and information brokering" erweitert.

Nun betritt das Web 2.0 und im Gefolge auch die "Library 2.0" das Feld der Betrachtung und beide werden recht neutral definiert. Interessant ist dabei das Zitat von Tim Berners-Lee, der im erklärten Anliegen des Web 2.0 keinen wirklichen Unterschied zum WWW, wie es gedacht war, sieht. Im Originalinterview lautet die Passage folgendermaßen:

developerWorks: You know, with Web 2.0, a common explanation out there is Web 1.0 was about connecting computers and making information available; and Web 2 is about connecting people and facilitating new kinds of collaboration. Is that how you see Web
2.0?


Berners-Lee: Totallynot. Web 1.0 was all about connecting people. It was an interactive space, and I think Web 2.0 is, of course, a piece of jargon, nobody even knows what it means. If Web 2.0 for you is blogs and wikis, then that is people to people. But that was what the Web was supposed to be all along. And in fact, you know, this Web 2.0, quote, it means using the standards which have been produced by all these people working on Web 1.0. It means using the document object model, it means for HTML and SVG, and so on. It's using HTTP, so it's building stuff using the Web standards, plus JavaScript, of course. So Web 2.0, for some people, it means moving some of the thinking client side so making it more immediate, but the idea of the Web as interaction between people is really what the Web is. That was what it was designed to be as a collaborative space where people can interact.
(developerWorks Interviews: Tim Berners-Lee)

Diese bemerkenswerte Aussage wird zwar zur Kenntnis genommen, aber in Hinblick auf die Fragestellung der Untersuchung nicht weiter reflektiert.

Die Untersuchung selbst umfasst die Auswertung der über die jeweiligen Internetpräsenzen von 59 LIS-Schools vermittelten Lehrpläne sowie "emails to get further information".

In the mail the respondents were asked whether their programme offered
a course on Web 2.0 and if so, they were asked to send syllabi.

Auf die direkte Kontaktaufnahme reagierten zwölf Adressaten (=20%), von denen eine Schule einen Kurs zum Thema "Web 2.0" in Planung hatte und fünf weitere das Thema im Rahmen anderer Kurse aufgriffen. Über die Analyse der Internetangebote wurden nur sechs Schulen mit entsprechenden Themenstellungen im Curriculum ermittelt. Diese sind nicht deckungsgleich mit denen, die sich über das E-Mail-Verfahren als in der Lehre "Web 2.0"-orientiert zeigten, so dass sowohl die Webseiten-Auswertung wie auch - aufgrund des geringen Rücklaufs - die E-Mail-Auswertung keine gesicherten Ergebnisse darstellen. Feststellen lässt sich lediglich, dass nur sechs Schulen die Behandlung des Themas in der Lehre auf der Website explizierten und sechs Einrichtungen per E-Mail definitiv bestätigten, dass sie dieses Thema nicht als Gegenstand in die Lehre aufgenommen haben.
Entsprechend kann man sagen, dass in 10 % der untersuchten Einrichtungen zum Untersuchungszeitpunkt das Thema Web 2.0 keines in der Lehre war.
Bei 10 Einrichtungen (=17%) war dies entweder der Fall oder ausdrücklich geplant. Bleiben 43 Einrichtungen (bzw. 73%) für die keine definitive Aussage getroffen werden kann, da sich das Verfahren der Analyse der Internetangebote offensichtlich als nicht eindeutig erwiesen hat.

Insofern lässt sich die Aussage:

This preliminary survey indicates that LIS schools in the United States are not adequately prepared for the rapid changes in Web technology and use.

bestenfalls als Bauchgefühl anerkennen. Wissenschaftlich belegt ist sie nicht. Daran schließt der Autor mit der eher noch problematischeren Aussage:

It seems that the LIS programmes have not yet internalised the importance of the new, changing and dynamic innovations that are taking place in their environment.

an. Diese steht im Gegensatz zu den oben postulierten genannten Themenstellungen ("social context of information technology,.."), die sich in ihrer Ausrichtung durchaus auf die technischen Innovationen in ihrem Umfeld beziehen. Unglücklicherweise setzt Noa Aharony technische Innovation sehr verkürzt mit dem Konzept bzw. Schlagwort "Web 2.0" gleich, so dass alles, was dieses Label nicht trägt, in einem blinden Fleck verschwindet.

Er führt für die (angenommene) geringe Berücksichtigung des "Web 2.0" in den Lehrplänen drei Interpretationen aus:

  1. Das "Web 2.0" wird als "Hype" wahrgenommen und deshalb als mehr oder weniger unwichtig ausgeklammert.
    [Auch wenn an anderer Stelle (Folie 18) der Debatte zum Thema "Bibliothek 2.0" sogar behauptet wird, dass sich "viele Hypes stabilisieren", so ist dies bei genauerer Betrachtung der Wortbedeutung - sechs von sieben Varianten des Dictionary.com Unabridged (v 1.1) sind eindeutig negativ bzw. bedeuten schlicht: Betrug; die halbwegs neutrale beschreibt so etwas wie freudige Erregung" und ist in diesem Kontext eher nicht relevant - keineswegs erstrebenswert.]
  2. "Web 2.0" wird eher technisch verstanden und daher dem Feld der Informatik ("Computer Science") überlassen.
  3. Als dritte Deutung wird sachlich völlig unbegründet angeführt: "LIS programme designers are not open to change and innovation." Hier werden die Bereitschaft zu Veränderung und Innovation mit dem Phänomen "Web 2.0" kurzgeschlossen, ohne dass sich eine eine solche Behauptung stützende Argumentation wenigstens angedeutet findet.

Die Notwendigkeit zur Schulung in "Web 2.0" ergibt sich für den Autor aus einer anderen Analyse, in der es um das Nutzungsverhalten von Web 2.0-typischen Anwendungen durch israelische LIS-Studenten ging:

The research findings show that the most popular Web 2.0 applications used by LIS students are wikis (89%), blogs (45%), followed by social networks (37%), flickr (20%), while the least popular is RSS (19%). From these results one may conclude that Israeli LIS students should be more exposed to Web 2.0 applications and their use.

Leider ist der Artikel noch "under review", so dass nicht zu prüfen ist, welche Nutzungsintensität der Autor als zureichend empfinden würde.

Generell überrascht aber angesichts des ansonsten häufig angebrachten Stereotyps, dass die Net-Generation bzw. "Digital Natives", aus denen sich die aktuellen LIS-Studierenden zu großen Teilen rekrutieren dürften, ganz selbstverständlichen mit entsprechenden Anwendungen des "Web 2.0" umgehen können. Der Autor greift diese Annahme dagegen nicht auf, sondern unterstellt implizit, in dem er starken Ausbildungsbedarf sieht, dass dem nicht so ist. Der Darstellung hätte eine Diskussion dieser Spannung sicher gut getan.

OCLC wird als besonders innovativ herausgehoben, weil es den Worldcat in Facebook einbettet. Dies impliziert, dass die Nutzer - wie auch immer geschult - dort sind. Auch Blogleser tauchen als "potential users" auf. Bibliotheksnutzer verwenden "wikis as a platform for book recommendations, cataloguing and tagging". Woher können sie das? Und wenn die Zielgruppen diese Werkzeuge en passant beherrschen: Wie unterscheiden sie sich in ihrer Herkunft, Intelligenz, Motivation,etc. von den typischen Studierenden an den LIS-Schools? Wenn jedoch, was natürlich nahe liegt, die Studierenden und späteren Bibliothekare eine umfassendere Befähigung und ein weiter reichendes mediales Verständnis als die Nutzer besitzen sollen, wäre es dann nicht sinnvoller, zu fragen, welche Elemente jenseits der simplen "Web 2.0"-Funktionalitäten als Erweiterung der Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien vermittelt werden sollten?

Die Forderung "the different issues and applications of Web 2.0 [should] be thoroughly taught as a separate course in the LIS curriculum" führt entsprechend eher in die falsche Richtung, nämlich zu einer Beschränkung der Perspektive auf eine bestimmte, aktuelle Facette, die zu vermitteln nur bedingt notwendig sein dürfte.

Das Hauptproblem des Ansatzes von Noa Aharony liegt m.E. aber darin, dass die Betrachtung keineswegs sach- bzw. auf den fachlichen Nutzen bezogen ist, sondern sich im Kern fast ausschließlich um die Positionierung des Faches in einem interdisziplinärem Konkurrenzkampf dreht:

“The crucial question is whether those LIS schools are not missing an opportunity to improve their professional image and standing.”

Die Frage ist also nicht, inwiefern die Diszplin das "Web 2.0" begreifen muss, um entsprechend zugeschnittene Dienstleistungen für ihre Zielgruppen zu erbringen, d.h. ihre Aufgabe zu erfüllen, sondern wie man die LIS-Ausbildung möglichst gut aussehen lassen kann.
Damit schließt der Autor nahtlos an die wenig fruchtbare, dafür aber die Fachwelt sehr verunsichernde "Wir müssen mithalten"-Debatte aus "Library 2.0"-Umfeld an.

Dass die Ausstattung der "new generations of librarians with competencies and skills that fit a modern, dynamic and changing work environment" unbedingt vom extrahierten und konzentrierten Einbetten des "Web 2.0" in die Curricula abhängt und nicht im Rahmen eines größeren Deutungszusammenhangs, der z.B. auch Grundlagen der Datenbankadministration und die Geschichte der Veränderung medialer Repräsentationsformen von der Wandmalerei in der grotte Chauvet-Pont-d'Arc bis zum Chatdialog bei Habbo vermitteln könnte, also Aspekte, die man bei täglichen Facebook-Nutzung nicht unbedingt mitbekommt, wird leider nicht deutlich.

Die Tauglichkeit der Schlagwörter "Web 2.0" und "Library 2.0" wird leider ebenso, obwohl der Ansatzpunkt mit dem Hinweis auf Tim Berners-Lee schon auf dem Tisch liegt, nicht hinterfragt. Stattdessen malt man die Schimäre des Abgehängtseins von der Entwicklung - hier verhältnismäßig dezent - auf und reduziert die Frage "Warum Web 2.0" am Ende in der Andeutung auf den rhetorischen Holzhammer des Kampfes um das Überleben der Institution:

It is important that novice librarians and information professionals recognise these applications and be able to apply them properly in their libraries and information centres in order to show their readers and users that they are still relevant and up to date in this changing, dynamic information world. [Hervorhebung von mir]

Aus solcher Unfähigkeit, die Institution "Bibliothek", das Bibliothekswesen und die die Zukunft dieser Akteure in ihrem Umgebung konsequent zu transzendieren, könnten man ableiten, dass der Unwillen zur Veränderung eigentlich - und zwar etwas luhmannianisch formuliert als Unwillen zweiter Ordnung - gerade bei den besonders veränderungswütig Auftretenden zu finden ist. Aber das ist vielleicht einen Tick zu weit hergeholt. Es könnte auch einfach ein im Kern sehr pragmatisches Anpassungsstreben an den Zeitgeist dahinter stehen: Man möchte dabei sein und dabei auch noch als relevant anerkannt werden.

Andererseits: Wenn die Relevanz der "Institution Bibliothek" tatsächlich am seidenen Schnürchen des "Web 2.0" hängt, dann sollte man nicht allzu viel daran hängen.

Das ethnografische Erkennen - auch bei Digitalen Bibliotheken?

Mittwoch, 14. November 2007


Anmerkungen zu: Seadle, Michael; Greifeneder, Elke (2007): Die Kunst des Beobachtens. Wie man Digitale Bibliotheken mit ethnografischen Methoden evaluiert. In: BuB - Forum Bibliothek und Information, H. 11/12, S. 835–838.

von Ben Kaden

Es ist ein bekanntes Problem, mit dem sich alle Betreiber von Internetangeboten konfrontiert sehen und damit die Betreiber von „Digitalen Bibliotheken“ gleichermaßen: Man bastelt, baut und schraubt über eine Reihe von Projektzyklen an wunderbaren Angeboten und am Ende läuft alles in die Black Box, auf der ganz allgemein „Benutzer“ steht.

Man hat zwar ein Ziel vor den Augen, aber sehr spezifisch ist es nicht und entsprechend trüb wird die konkrete Ausgestaltung des Angebots. Die also für Digitale Bibliotheksangebote grundsätzliche Frage nach der Spezifizierung der Nutzer steht im Zentrum des Beitrags von Michael Seadle und Elke Greifeneder.
Der Einstiegsantwort „Der Benutzer ist jemand, der eine Digitale Bibliothek benutzt“ ist aufgrund der ihr innewohnenden Tautologie kaum mit Widerspruch beizukommen. Sie erweitert das Betrachtungsfeld aber auch nicht sonderlich. Entsprechend steht sie glücklicherweise am Anfang des Aufsatzes und am Ende ist man in Hinblick auf den Benutzer zwar nicht direkt schlauer, aber man weiß 1. dass es eine pauschale Bestimmung nicht geben kann und 2. wie man sich ihm – aus der Sicht von Michael Seadle und Elke Greifeneder – am besten nähert: ethnografisch.

Michael Seadle ist von Hause aus Anthropologe und entsprechend überrascht die in der deutschen Bibliothekswissenschaft noch nicht alltägliche Übertragung einer Methode der Anthropologie auf die Evaluation von Bibliotheksangeboten nur bedingt. Dass sie in einer partikularen Gesellschaft, in der selbst der traditionelle Milieu-Begriff angesichts der extremen Individualisierung der Lebensstile erodiert, Fruchtbares verspricht, steht außer Frage.
Insofern ist es sehr angebracht, wenn das Berliner Autorenteam hier für ein Verfahren sensibilisieren möchte. Schade, dass die bereits durchgeführten Evaluationen mit diesem Methodenhintergrund (so bei der Bewertung der Perseus Digital Library – vgl. z.B. Yang, Shu Ching (2001): An Interpretive and Situated Approach to an Evaluation of Perseus Digital Libraries. In: Journal of the American Society for Information Science and Technology, Jg. 52, H. 14, S. 1210–1223. – oder beim Water in the Earth System der American Meteorological Society - Khoo, Michael (2001): Ethnography, Evaluation, and Design as Integrated Strategies: A Case Study from WES. In: Constantopoulos, Panos (Hg.): Research and advanced technology for digital libraries. 5th European conference, Darmstadt, Germany, September 4 - 9, 2001; proceedings. Berlin: Springer (Lecture notes in computer science, 2163), S. 263.) nicht hinsichtlich ihrer tatsächlichen Erkenntnisse kurz referiert wurden.

Der Hinweis auf das Buch von Bonnie A. Nardi und Vicki L. O’Day ist sicher hilfreich, besonders, da diese die ethnografische Methode in ihrer Anwendung auf Nutzerstudien weitaus griffiger formulieren, als es der von Michael Seadle und Elke Greifeneder zitierte Clifford Geertz tut.

Wo es bei Nardi und O’Day in schönstem Pragmatismus heißt:

„Our empirical studies are ethnographic studies, which means that we go out into the “field” to study situations in which people are going about their business in their own ways, doing whatever they normally do.” (Nardi, Bonnie A. (1999): Information ecologies. using technology with heart. Cambridge Mass. , London: MIT., S. 14).

liest man mit Clifford Geertz:
”Ethnographie betreiben gleicht dem Versuch, ein Manuskript zu lesen (im Sinne von >eine Lesart entwickeln<), das fremdartig, verblasst, unvollständig, voll von Widersprüchen und tendenziösen Kommentaren ist, aber nicht in konventionellen Lautzeichen, sondern in vergänglichen Beispielen geformten Verhaltens ist.“ (zitiert aus dem Aufsatz, S. 835-836)


Zwischen Nardi und O’Day einerseits und Geertz andererseits liegen, was die Ethnografie betrifft, nicht nur sprachlich Welten und für die Klarheit des Aufsatzes wäre es angesichts der Beschränktheit auf vier Seiten vielleicht hilfreicher gewesen, sich für die zielgerichtetere Definition der beiden Bibliotheksevaluatorinnen zu entscheiden und Clifford Geertz an anderer Stelle einführender und umfänglicher darzustellen. Denn letztlich läuft beides auf die einprägsame Formel: „Man muss versuchen, den kulturellen Kontext des Werkes [bzw. des Nutzerverhaltens] zu verstehen.“ (S. 836) hinaus.

Einen streng hermeneutischen Ansatz verfolgen die Autoren allerdings nicht. Sie orientieren sich auf die Verfahren der „linguistischen Analyse“, des „Workshops“ sowie der „Beobachtung mit Film- und Tonaufnahmen“, auch hier leider eher sensibilisierend denn erschöpfend, was aber sicher dem Forum und der Vorgabe des Verlages geschuldet ist. Merkbar ist das Bemühen, tatsächlich umsetzbare Handlungsoptionen aufzuweisen, auch wenn es bei Formulierungen „Studierende mögen Essen (zum Beispiel Pizza) und freuen sich auch eine kleine finanzielle Aufwandsentschädigung (vielleicht fünf Euro)“ einen Tick zu weit geht. Der Running Gag mit der „Pizza“ (vgl. hier) wird sicher den meisten BuB-Lesern verschlossen bleiben.

Nicht nachvollziehbar ist für mich die Heraushebung, dass Studierende an der Evaluation von Digitalen Bibliotheken ein – besonderes? – Interesse haben. Ebenso erscheint mir die Feststellung, „dass Studierende keine Informationssilos möchten, sondern breite Informationsportale, die sie selbst gestalten können, wenn sich ihre Interessen (etwa durch Lehrveranstaltungen) ändern“ im Unterschied zu den Autoren nicht unerwartet, wenn man an die Nutzung von Web2.0-Identitätsportalen von MySpace oder Facebook denkt.

Hier werden Erwartungen und Verhaltensweisen von den Portalen der vorwiegend privaten sozialen Interaktion auf die Oberflächen der fachlichen Kommunikation projiziert, wobei diese Sphären im Fall von Facebook sogar zusammenzuwachsen scheinen. Die angeschlossene Aussage, dass viele Bibliothekare solches nicht gern sehen, mag vielleicht nicht auf ganzer Linie an der Realität vorbeizielen, ist aber ein Aspekt, auf den man bei aller Liebe zu den Vorlieben der Bibliothekare bei dem Ziel, ein nutzbares Angebot zu entwickeln, keine Rücksicht nehmen sollte. Aspekte der Innovationsbereitschaft und -resistenz gehören eher in den Bereich der Organisationspsychologie als in die Entwicklungsabteilung für Digitale Bibliotheksangebote.
(Wobei eine ethnografische Analyse der Betriebsorganisation innerhalb einer Bibliothek ausgesprochen reizvoll scheint und das Potential zu unerwarteten Ergebnissen besitzt. Dies steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt.)

Ein wichtiger Punkt wird am Ende der Studie angesprochen: Nutzer „suchen die Ursache oft bei sich selbst, wenn sie Probleme bei der Benutzung haben. Sie sehen selten, dass beispielsweise die umständliche Navigation Ursache sein kann.“ Hier wäre eine ethnographische Aufdröselung der Schuldzuweisungen ('ich bin’s', 'die Maschine ist’s', 'der Anbieter ist’s') sicher aufschlussreich und könnte u. U. dem sich selbst geißelnden Nutzer auch etwas Seelenfrieden besser aber ein auf seine Nutzungspräferenzen angepasstes Angebot bescheren.

Insgesamt lässt sich nach der Lektüre des Aufsatzes festhalten, dass der Wert einer differenzierten Nutzerkenntnis sehr hoch zu bewerten ist und ethnographische Ansätze ein hilfreiches Werkzeug zum Finden entsprechender Erkenntnisse darstellen. Zweifellos besteht an diesem Punkt in der Bibliothekswissenschaft nicht nur in Hinblick auf die Evaluation Digitaler Bibliotheken Nachholbedarf. Daher wäre es wünschenswert, wenn der Beitrag von Michael Seadle und Elke Greifeneder mithilft, hier vertiefende methodologische Entwicklungen anzuregen. Viel mehr kann der Aufsatz aufgrund der gegebenen Knappheit leider nicht leisten. Aber er zeigt auf, was möglich wäre.

Gedanken im Anschluss an Katrin Weller, Dominic Mainz, Indra Mainz; Indra und Ingo Paulsen (2007) Wissenschaft 2.0? Social Software im Einsatz für die Wissenschaft.

Mittwoch, 24. Oktober 2007


Katrin Weller, Dominic Mainz, Indra Mainz; Indra und Ingo Paulsen (2007) Wissenschaft 2.0? Social Software im Einsatz für die Wissenschaft. In: Ockenfeld, Marlies (Hrsg.): Information in Wissenschaft, Bildung und Wirtschaft. 29. Online-Tagung der DGI. 59. Jahrestagung der DGI. Frankfurt am Main 10. bis 12. Oktober 2007. Frankfurt am Main: DGI e.V. 2007, S. 121-136

- Ein Kommentar von Ben Kaden -

Ein neues Web, voll Leben, Muth und Kraft...?

Wer auf der diesjährigen Buchmesse umherstreifte (oder auch nur die Medien- bzw. Wirtschaftsseiten der Tagespresse der letzten Monate
mit dem halben Auge verfolgte), weiß, was die Stunde geschlagen hat, nämlich, dass das Web 2.0 nun endgültig Mainstream-Thema geworden ist.

Einerseits nimmt dadurch die Quantität des Textaufkommens zum Phänomen noch einmal enorm zu und die Early Adpoter werden sich, wie das so bei Trends üblich ist, vielleicht etwas frustriert wiederfinden, wenn auf einmal Boulevardzeitungen all die Werkzeuge zur Kundenbindung nach dem Prinzip des Prosumer (Produzent+Konsument in einem) benutzen und umsetzen, von denen vor drei, vier Jahren kaum jemand etwas wissen wollte.

Andererseits ergibt sich aus der Zunahme der Aufmerksamkeit und der Marktrelevanz auch ein enormer Entwicklungs- und Differenzierungsschub, an dessen nächstem Etappeziel womöglich stehen wird, dass Social Tagging, Social Search und Social Navigation nunmehr Alltagswerkzeuge sind, von denen man fast nicht glauben mag, dass es sie nicht schon immer gab - so wie es uns heute mit schlichten Volltextsuchmaschinen, E-Mail und Online-Buchhandel geht.

Da nun für nahezu alle Bereiche der Kommunikation entsprechende Werkzeuge zur elektronischen Umsetzung verfügbar sind, ist es nur folgerichtig, dass sich auch die Wissenschaftskommunikation des Web 2.0 für ihre Zwecke bedient, obschon die Wissenschaftler – jedenfalls bestimmte Disziplinen – weitaus stärker als berücksichtigt, sehr(!) früh Nutzer elektronischer Kommunikationsmittel waren. Die frühen Formen sahen allerdings etwas grobschlächtiger aus, waren häufig schwieriger zu bedienen und hatten nicht den unmittelbaren Interaktionsgrad, den uns AJAX etc. heute in den Anwendungen bieten.

Poltern wir nun in die Ära einer Wissenschaft 2.0? Katrin Weller, Dominic Mainz, Indra Mainz und Ingo Paulsen tun ganz recht daran, die Überschrift ihres Beitrags für die diesjährige Online-Tagung der DGI mit einem Fragezeichen zu versehen. Die dazugehörige Präsentation konnte ich leider nicht besuchen, der in den Proceedings enthaltene Beitrag bietet sich allerdings sehr für eine nähere Betrachtung an und damit einen Anlass, das etwas vernachlässigte LIBREAS-Referate-Blog neu anzustupsen, wobei gleich ein Nebenaspekt deutlich wird, der in dem Beitrag des Autorenteams leider keine Beachtung findet: Wie steht es mit dem Zeitmanagement, bzw. wer soll all das in Ruhe lesen, verarbeiten und möglichst noch kommentieren, was dank des Unmittelbaren der Weblogs als (Semi)Publikationsmittel in ziemlich geringen Zeitabständen durch die Newsfeeds flitzt?


Auch dies ist eine Frage für eine „Wissenschaft 2.0“, die ihre Antwort harrt. Und es gibt weitere – dazu später mehr. Der gut und schnell lesbare Beitrag verfolgt das buchstäblich grundlegende Ziel, „Einblicke in neue Ansätze des Web 2.0, vor allem dahingehend, wie gemeinschaftlich Wissen und Daten gesammelt, aufbereitet und verwaltet werden können“ zu geben. Das „neu“ erscheint mir deplaziert, da ich mir nicht so richtig „alte“ Ansätze des Web 2.0 vorzustellen vermag, aber das ist nun ein bisschen stilistische Haarspalterei und eigentlich sekundär.

Primär ist das Verfahren der Autoren, dass a) ein eher allgemeines Vorstellen der Social Software-Anwendungen und b) ein konkretes Prüfen in Hinblick auf die Wissensgewinnung bzw. des Wissensmanagements in der Wissenschaft umfasst. Der erste Abschnitt beschreibt zunächst einmal den „Wandel zum Web 2.0“ und fasst dabei die wichtigsten Entwicklungslinien seit Tim O’Reilly bis zur eScience zusammen. Leider wird hier auch wieder die „neue Ära“ ausgerufen, in der der Nutzer Prosumer wird, wobei ich mich frage, ob sich denn niemand an die nicht gerade kleine Online-Community Geocities erinnert (oder auch an das Usenet). Einfach waren die Teilhabemöglichkeiten – abgesehen von dem nicht selten schwierigen Netzzugang – dort ebenfalls, allerdings grafisch meist nicht ganz so ansprechend. Und auch die Merkmale einer Many-to-Many-Kommunikation ließen sich dort finden. Zudem galt bereits dort, dass für die Nutzer „anstelle der Vernetzung von Computern in einem Netzwerk…die Beziehungen der Benutzer im Vordergrund“ steht. Dies ist also kein Novum, das Wordpress und Facebook etc. in die Welt brachten, wie manchmal behauptet wird (hier mit dem schnell+kompakt Leitfaden „Social Software“ von Martin Szugat , Jan E. Gewehr und Cordula Lochmann (Frankfurt/Main: Entwickler.press, 2006) im Zitat, S. 121).

Es ist also nicht ganz neu aber ganz richtig und wichtig, dass Computer und die plattformbasierten Softwarelösungen Infrastrukturelemente zum Zweck der Sozialen Vernetzung darstellen. Auch wird niemand bestreiten, dass die dafür entwickelten Oberflächen mit vielseitiger Nutzung des Hypertextprinzips, die beispielsweise Social Tagging erst möglich macht, einen Qualitätssprung darstellen. Und auch wenn die Idee an sich nicht neu ist, so erscheinen die Communities auf StudiVZ und MySpace durchaus anders, als die, die über Usenet ihre Interessen diskutierten und sich manchmal auch verabredeten. Was bis heute gleich bleibt, ist, dass eine Community nur ab einer gewissen Teilhabebereitschaft und/oder kritischen Masse der Benutzer vital
bleibt. Was damals die E-Mail war, sind heute Weblog oder Wiki. Im Ansatz neuartig ist vielleicht der Objektbezug, wie er beispielsweise den Wikis oder auch Connotea zugrunde liegt, d.h. dass mehrere Nutzer gemeinsam ein Dokument entwickeln oder beschreiben. Aber eigentlich liegt die Innovation auch nur in der leichteren Möglichkeit, die die Anwendungen „Sozialer Software“ bieten, denn von Gruppen gemeinsam gepflegte themenspezifische Webseiten gab es ebenfalls bereits tief in den 1990ern. Nur waren diese nicht ganz so öffentlichkeitswirksam und erfolgreich.

Netzwerk Wissenschaftskommunikation

Nun aber zur Wissenschaft: „Fest steht, dass Kooperationen in der Wissenschaft einen wachsenden Stellenwert einnehmen“ schreiben die Autoren und auch diesen Satz kann so spätestens seit der Entdeckung der Big Science formulieren, ohne verkehrt zu liegen.

Dabei ist die Wissenschaft, seit sie entsprechende übergreifende Kommunikationsmedien nutzt, (Journals) eine große Kopperationsgemeinschaft mit zahlreichen Untergemeinschaften, in denen gemeinschaftlich (oder auch kollaborativ) Erkenntnis erzeugt, kommuniziert und nachgenutzt wird. Auch die Notwendigkeit „neuer Kommunikationskanäle und Hilfsmittel“ (S. 122), trägt bereits der Ursprung des WWW, der durchaus in der Wissenschaft(skommunikation) zu verorten ist, als Leitgedanke. Insbesondere für die Wissenschaftskommunikation war das Netz schon immer „sozial“: Das arXiv, auf dem Wissenschaftler Inhalte für den über elektronische Netze vermittelten Zugriff durch andere Wissenschaftler zur Verfügung stellten, gibt es seit 1991.

Allerdings hat es bekanntlich seitdem zahlreiche Innovationen gegeben, die das Spektrum der Möglichkeiten bemerkenswert erweiterten und die besonders im Web 2.0-Bereich keinen direkten wissenschaftlichen Hintergrund mehr aufweisen. Das kommerzielle WWW ist - die elektronischen Zeitschriften einmal ausgeklammert - wenig wissenschaftsorientiert, sondern erwirtschaftet seine Umsätze in ganz anderen gesellschaftlichen Sphären. Parallel dazu vollzogen und vollziehen sich Innovationen in der Computer-Hardware – von der allgemeinen Leistungszuwächsen der für Endnutzer verfügbaren Geräte bis hin zur Aufrüstung der Übertragungsinfrastruktur, die weiträumige Dauerzugänge mit hohen Übertragungsgeschwindigkeiten ermöglichen.

Die Simplifizierung der Oberflächen und die sukzessive Gewöhnung an die Verfahren der Webkommunikation, die vor 10 Jahren so noch nicht gegeben war, führt, so meine These, einfach zu besseren Voraussetzungen, nun auch das zwischendurch etwas angestaubte Wissensmanagement zu reaktivieren und mit neuen, attraktiveren elektronischen Hilfsmitteln einzusetzen.

Das für mich eigentlich Interessante des Textes von Weller, Mainz et al. liegt in den verschiedenen Dimensionen, die die Autoren für den Einsatz Sozialer Software in der Wissenschaft entwerfen:


1. Der Wissenschaftsbetrieb als Unternehmen Dieser Aspekt greift Web 2.0-Anwendung vorwiegend im Sinne einer Wissenschaftsvermarktung – oder vielleicht etwas breiter angesetzt – als Werkzeug zur Unterstützung der Wissenschaftsvermittlung, also etwas, was gemeinhin mit Public Understanding of Science gemeint wird, auf. Die Autoren nennen es „Öffentlichkeitsarbeit“.

2. Die zweite Dimension zielt auf die Koordination von Wissen in abgeschlossenen Arbeitsgruppen und lässt sich vielleicht knapp als Fortsetzung der Groupware mit anderen, nämlich einfacher nutzbaren, Mitteln beschreiben, die obendrein bessere externe Anschluss- und Vernetzungsmöglichkeiten bieten.

3. Die dritte Dimension greift am weitesten, denn sie umschließt das Feld der Publikation („Verbreitung...“) sowie des Diskurses („…Diskussion wissenschaftlicher Inhalte“). Neu ist dabei vor allem auch die Verfügbarkeit direkterer Kommentar- und Annotationsmöglichkeiten, wobei dieses „Referat“ zum Text gleich ein Beispiel verkörpert. Neben Publikation und Diskussion bildet die „Informationsversorgung“ den dritten Baustein der dritten Dimension.


Interessant erscheint mir beispielsweise in Hinblick auf Wikis die Frage, wie sich eine auf Reputation bezogene Wissenschaftskultur, in der Erkenntnisäußerungen und vor allem -zitationen idealerweise einem konkreten, individualisierbaren Autor zuschreibbar sind, mit einer Wikikultur, die den individuellen Autor in gewisser Weise auflöst, in Übereinstimmung zu bringen sind. Hier bleibt, wie die Autoren auf S. 124 bemerken, breiter Diskussionsbedarf. Vielleicht kann man im Charakter des ewigen „Perpetual Beta“ von Texten der Wikipedia, die sich verändern, wenn etwas Neues zu einem Gegenstand bekannt wird, auch eine Demaskierung der Illusion von „final works“ in der Wissenschaft sehen. Denn eigentlich ist jeder Text nur eine „work in progress“, nämlich Grundstock für Anschlusserkenntnis und neue Texte.

Die Abgeschlossenheit gilt also genau genommen nur für die Form. Der Inhalt – so nach meinem Verständnis auch das Ziel der Wissenschaft – soll selbstverständlich über die Grenze dieser Form hinaus wirken. In der Wikipedia fallen Inhalt und Form interessanterweise sehr direkt zusammen. Ob und wie dieses Prinzip aber auf die tradierten Textformen der Wissenschaftskommunikation tatsächlich übertragbar sein kann, ist in der Tat ein erstklassiger Diskussionsgegenstand in den Debatten um Web 2.0, Bibliothek 2.0 und „Wissenschaftskommunikation 2.0“.

Der auf S. 125 erwähnte didaktische Wert der Sozialen Software besitzt momentan sicher größere Bedeutung und Anwendungsnähe als ihre Rolle in der eigentlichen Wissenschaftskommunikation – die eventuelle Nutzung von Wikis in geschlossenen Kontexten zur kollaborativen Produktion von Primärtexten einmal ausgeklammert. Entsprechend wäre ein Ansatz auch die Herausdifferenzierung einer „Dimension“ an einer Grenzlinie zwischen Lehrkommunikation und Forschungskommunikation.

Als sehr interessant erscheint mir persönlich die verstärkte Nutzung des Social Networking in Hinblick auf die Kontaktaufnahme von Experten. Die Wissenschaft funktioniert an dieser Stelle ähnlich zu einer ganzen Reihe anderer kultureller Facetten der Gesellschaft: Über gemeinsame Interessen werden Kontakte geknüpft und über Bekanntschaftsverwaltungen (die in den Angeboten häufig leider den Ausdruck aushöhlend „Freund“ genannt werden) recherchier- und verwaltbar sind.

Das Nature Network (link), in dessen Umfeld beispielsweise auch Connotea (link) gehört, nutzt das Verfahren für die Zielgruppe Wissenschaft, so wie Xing eher im Geschäftsbereich und StudiVZ auf Studenten zugeschnitten ist. Die Differenzierung ist sinnvoll und notwendig, um das Abgebot an entsprechende Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppen adressieren zu können.

Von den drei Dimensionen – (1) Außenwirkung, (2) Kooperation und (3) Publikation, Kommunikation und
Datenmanagement – ist hier die zweite angesprochen. Die gemeinsame Datenverwaltung, also der Punkt, an dem sich Dinge wie Repositories oder auch Publikationsserver mit direkten Web 2.0-Elementen treffen können und sollten, fungiert in gewisser Weise als Schnittstelle zwischen Kooperation und Datenmanagement, lassen sich doch die Expertenprofile anderer Wissenschaftler – also der Kern des Social Networking – auch als Daten, die es analog zu relevanten Publikationen oder – wie bei Swivel (link) etc. – Rohdaten sehen.

Für Bibliotheken und die Entwicklung der Kataloge hin zu personalisierbaren Arbeitsoberflächen im Sinne dessen, was momentan unter der Bezeichnung Cloud Computing thematisiert wird, geht es vermutlich auch längerfristig primär um die Verwaltung von „Literatur“, wobei dieser Begriff in Anbetracht von – allerdings momentan noch nicht allzu hoch entwickelten Phänomenen wie der Blog Science u.ä. – nicht mehr auf bestimmte Medientypen festlegbar ist und damit mehr oder weniger frühe Ideen der Dokumentation wieder aufgreift.

Dass Folksonomies und Social Tagging demnächst Bestandteile der OPACs 2.0 sein werden, wird sicher kaum noch bezweifelt. Die Verknüpfung von durch Nutzer vergebenem unkontrollierten Vokabular und dem kontrollierten der Bibliotheksklassifikationen sowie den normierten Schlagwörten stellt obendrein einen idealen Lernparcour für das Semantic Web dar – lassen sich doch die auf konkrete Objekte bezogenen idealen und realen Eigenschaftszuweisungen, die zahlreiche Anschlussverknüpfungen besitzen, prima abcrawlern. Elaborierte Vorschlagssysteme sind dabei – so jedenfalls die Fantasie – nur ein mögliches Ergebnis. Den hier besprochenen Aufsatz zieht es nicht ganz so weit in diese Richtung, aber einige Elemente, z.B. FOAF, werden erwähnt. Generell bleibt er aber bei einer annotierten Bestandsaufnahme und diese fällt in der Gesamtschau sehr gut und überzeugend aus.

Die abschließend formulierten Szenarien fragen einerseits, ob die Wissenschaft „speziell maßgefertigte Tools benötigt“ oder „allgemein zugängliche Angebote unverändert genutzt werden können.“ Hier argumentiere ich entschieden für die erste Variante und sehe für Bibliotheken wunderbare Ansatzpunkte, wenn es ihnen gelingt, ihre Kataloge um entsprechende Funktionalitäten zu virtuellen Arbeitsräumen mit Social Networking, Diskursplattformen und Quellenmanagement zu erweitern. Die Nature Publishing Group arbeitet, wie man unschwer sieht, seit ein, zwei Jahren offensiv an solchen Angeboten.

Andererseits unterscheiden die Autoren danach, ob Werkzeuge „innerhalb der Kooperation einer festen Arbeitsgruppe benötigt werden oder ob ein Austausch mit einer allgemeinen, offenen Interessengemeinschaft über das Internet unterstützt werden soll.“ (S.133) Hier sollte die Antwort m. E. „sowohl als auch“ heißen. Ideal wäre eine entsprechend, wie man so schön sagt, skalierbare Lösung, die sowohl


a) die Ebene des Einzelnutzers und seine individuelle Verwendung der entsprechenden Werkzeuge im Sinne eines PIM (Personal Information Management),


b) die Möglichkeit geschlossene Arbeitsgruppen, z.B. zu bestimmten Projekten und


c) die Option für eine größere Scientific Community mit Anschlussstellen an die allgemeine Öffentlichkeit
berücksichtigt.

Es bleibt jedoch die Frage, ob die Wissenschaftler dies überhaupt wollen und darauf weist der letzte Satz des Beitrags hin, der für mich der wichtigste ist:

„Für den Erfolg von Social Software in der Wissenschaft wird auch eine entscheidende Rolle spielen, wie weit die wissenschaftliche Welt zu
Formen von Open Science bereit ist und inwiefern neue Angebote den Aufbau wissenschaftlicher Reputation unterstützen.“ (S.133)

Entsprechend würde ich das „auch eine entscheidende“ in „die entscheidende“ umformulieren. Denn die Prosumer im Kommunikationssystem der Wissenschaft 2.0 sind nur dann Prosumer, wenn sie auch etwas „produzieren“, also das System, das besonders in puncto Vernetzung ganz andere Möglichkeiten als das Usenet der frühen 1990er Jahre bietet, aktiv nutzen.

Anschlussfragen

In der Ergänzung dazu möchte ich die Gelegenheit nutzen und zwei Anschlussfragen aufwerfen:

1. Was in der Diskussion m.E. häufig zu kurz kommt, ist die Frage, wie vertrauenswürdig die jeweiligen Akteure, auf die man bei den im Text genannten Web 2.0-Anwendungen zurückgreift, sind. Ist es erstrebenswert, die Wissenschaftskommunikation über in der Hauptsache kommerzielle Akteure (Yahoo, Google) zu vermitteln, die nicht unbedingt dieselben Ansprüche, wie sie der gemeinhin dem Idealtypus des hauptsächlich auf Erkenntnisproduktion hin arbeitenden Wissenschaftlers entsprechen, aufweisen? Eine Abhängigkeit ist sicherlich unvermeidbar, aber eventuell sollte man intensiver als bisher darüber reflektieren, was dies für die Wissenschaftskommunikation bedeutet bzw. bedeuten kann?

Oder ist dieser Typus eines hauptsächlich mit dem Primat Erkenntnisproduktion als Wert an sich forschenden Wissenschaftlers ohnehin passé, da in der Big Science auch die Wissenschaft vorwiegend über Wirtschaftlichkeit und möglichst auch eine Ausrichtung auf eine kommerzielle Nachverwertung über Start-Up-Unternehmen etc. organisiert wird?

2. Wie verfahren wir in einer gemeinhin von den auf Innovation orientierten STM-Fächern dominierten Entwicklung in der Wissenschaftskommunikation mit den eher argumentativen geisteswissenschaftlichen Fächern und ihren Forschungsfragen, die sich nur bedingt mit entsprechenden Nachnutzungen in Übereinstimmung bringen lassen? Gerade hinsichtlich der diversen Wissenschaftskulturen sehe ich größeren Differenzierungsbedarf, sowohl was die Frage nach einem sinnvollen Einsatz wie auch der jeweiligen Ausdifferenzierung der elektronischen Kommunikationsmittel betrifft.

Daraus ergibt sich zwangsläufig die grundsätzliche Frage, inwieweit sich die Diskurse in den Wissenschaften an die bestehenden Möglichkeiten zur Kommunikation anpassen und inwieweit die Möglichkeiten der Kommunikation an bestehende Diskurspraxen angepasst werden. Auch wenn die Kybernetik nicht mehr ganz en vogue ist, scheint mir der Lösungsansatz hier die Rückkopplung zu sein. Auch hier wird es am Ende sich auf ein "Sowohl-als-auch" hinauslaufen und für die Bibliothekswissenschaft ergibt sich daraus die Aufgabe, das "wie" zu gestalten.

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Ben Kaden, 18. Oktober 2007

In der Fluchtlinie: eine etwas pyramüde Bibliothek 2.0.

Dienstag, 20. Februar 2007


Eine kritische Lektüre von Figge, Friedrich; Kropf, Katrin: Chancen und Risiken der Bibliothek 2.0: Vom Bestandsnutzer zum Bestandsmitgestalter. In: Bibliotheksdienst 41. Jg. (2007) Heft 2. S. 139-149. (Volltext bei E-LIS, die Besprechung bezieht sich auf die dortige Version)von Ben Kaden


So langsam etabliert sich das Web 2.0 und entsprechend häufen sich allgemeine Einführungen in allen möglichen Formen (sh. z.B. hier und hier). Und was sich im Großen und Ganzen der allgemeinen Netzgesellschaft als das Web 2.0 präsentiert, ist auf der Ebene der Bibliotheken die Bibliothek 2.0.

Nachdem im letzten Herbst Patrick Danowski und Lambert Heller einen vielbeachteten kleinen Aufsatz zum Thema im Bibliotheksdienst publizierten (vgl. hier),
sind es nun Friedrich Figge, Professor für Electronic Publishing und Multimedia an der HTWK Leipzig und seine Ko-Autorin Katrin Kropf die es unternehmen, ebenfalls im Bibliotheksdienst, die Bibliothek 2.0 zu erläutern.

Dies gelingt ihnen allerdings, nun ja, bedingt überzeugend. Ein bisschen werden Anwendungsmöglichkeiten konkretisiert, aber eine so notwendige distanzierte Betrachtung der Entwicklung bleibt leider aus.

So liegt der Neuigkeitswert des vorliegenden Textes hauptsächlich in der Projektion der "Electronic Publishing-Pyramide", mit der Friedrich Figge versucht die "Chancen für kreative Medienunternehmen im Web 2.0" zu visualisieren, auf Bibliothekskontexte.


Das Modell definiert vier Stufen: Information, Service, Kontakt und Kommunikation, wobei als Basis "Information" für die allgemeine "Erarbeitung und Verbreitung von Inhalten" steht und an der Spitze "Kommunikation" mit Community, also vielleicht: kontextualisierten Informationen im Diskurs sozialer Netzwerke, zu finden ist.

Anhand der Stufen werden nun die Möglichkeiten von allgemeinen Web 2.0- und einigen Bibliothek 2.0-Angeboten (z.B. die PennTags) erläutert.


Stufe 1: Die Information


Auf der Ebene der reinen "Informationsvermittlung" wird allerdings nur das alte Klischee "Die Bibliothek gibt, der Benutzer nimmt" angebracht, was vermutlich den Kontrast zwischen alter und neuer Bibliothekswelt herausstreichen soll.

Jedoch verfehlt mit solchen Pauschalisierungen schon seit einer längeren Zeit nicht mehr den Kern, weder von Öffentlichen Bibliotheken, die bei guter Führung auch schon vor dem Web 2.0 in Kommunikation mit ihren Nutzern standen und je nach finanzieller Möglichkeit selbstverständlich deren Wünsche im Bestand abzubilden versuchten, noch von wissenschaftlichen. Auch bei diesen gab es auch schon in der Vergangenheit genügend durchsetzungsstarke Professoren, die den Fachreferenten bei Titelauswahl für den Bestandsaufbau mehr oder
weniger direkt unter die Arme griffen. Dass die Wünsche von Studierenden oder auch Assistenten manchmal vom Fachreferenten nicht mit der gleiche Emphase behandelt wurden, liegt wohl eher im Aufbau des Sozialsystems "Wissenschaft" begründet, als in der Intention der selbstbezogenen Bibliothekare.
Die kritisierte Selbstbezogenheit des bewertenden, auswählenden und vorschreibenden Bibliothekars ist hauptsächlich noch da zu vermuten, wo wenig direkter Nutzerkontakt besteht. Allerdings wird es sich an diesen Stellen auch mit dem Web 2.0 nicht heute auf morgen ändern.


Stufe 2: Die Services


Auf der zweiten Ebene geht es um Service und zwar um einen solchen, der über die bloße Bereitstellung von Information herausgeht. Beispiele, die die Autoren nennen, sind Neuererscheinungslisten und die herausgehobene Präsentation von bestimmten Beständen.

Dass hiermit das Service-Spektrum von Bibliotheken stark reduziert abgebildet wird, ist offensichtlich. Ein bisschen mehr als diese allgemeinen Empfehlungsdienste kann man auch deutschen Bibliotheken, in denen der klassische Reference Librarian zugegebenermaßen nicht ganz zum Alltag gehört, schon zugestehen. Aber vielleicht gehört das schon wieder auf die Stufe 3: Kontakt, wobei das Modell eine

erste Unzulänglichkeit zeigt.

Für Empfehlungen bietet sich natürlich das RSS-Prinzip als Verteilungsmittel an. Über Social Bookmarking können entsprechende Inhalte verwaltet, erschlossen und verfügbar gemacht werden.

Zudem wird Cassey Bissons Word-Press-Opac
(bzw. OPAC 2.0) samt Anwendungsbeispiel erwähnt. Irreführend ist allerdings der Nachsatz, dass dies "ein guter Anfang in Richtung benutzerfreundlicher OPAC" ist, denn hiermit wird implizit behauptet, dass alle bisherigen OPACs nicht
nutzerfreundlich seien.

Solches scheint aber selbst wenn man kein ausgesprochener Liebhaber des weithin vorherrschenden Datenbankschicks ist, ein wenig übertrieben, zumal z.B. der KVK vor nicht ganz langer Zeit mit dem nicht primär am Web 2.0, sondern vielmehr an der google-simplen Erwartungshaltung der Nutzer orientierten Freitextsuche aufwartete.

Ein anderes Werkzeug sind die Newsfeed-Verwalter à la Netvibes oder Pageflakes. Allerdings erscheinen mir diese Werkzeuge für den Einsatz in Bibliotheken generell nicht optimal und ins Schlingern gerät der Text spätestens dann, wenn die Tatsache, dass Netvibes sich im Kern an Einzelnutzer richtet und entsprechend "nur im eingeloggten Zustand einsehbar und bearbeitbar" ist als ein "derzeit noch" bestehender Nachteil herausgestellt wird.

Netvibes und auch Pageflakes sind nun mal Tools zur persönlichen Verwaltung von Feeds und nicht etwa "personalisierte Startseiten" für Bibliotheken. Man kann genauso gut einem Fahrradhersteller bescheinigen, dass sein Produkt derzeit noch nicht dafür geeignet ist, mit 4 Personen und einer höheren Reisegeschwindigkeit über die Autobahn zu preschen.

Für diesen Anspruch benötigt man nun einmal ein Automobil und wenn es das nicht gibt, der Bedarf aber besteht (d.h. wenn sich Geld damit verdienen lässt) und wenn es technisch machbar ist, wird früher oder später ein fixer Tüftler hier mit einer passenden Erfindung auf der Türschwelle des technischen Fortschritts erscheinen und Abhilfe schaffen. Ähnliches ist für Bibliothek 2.0-Anwendungen zu vermuten.

Dass man dagegen mit auf Einzelnutzer oder kleinere Gruppen zugeschnittenen durchschnittlichen Web 2.0-Applikationen die durchaus nennenswert komplexeren Ansprüche einer Bibliothekscommunity mit ein paar tausend Nutzern meistern kann, ist ein Trugschluss.

Vielmehr wird es direkt auf die Ansprüche der Bibliothek 2.0 hin entwickelte Lösungen geben müssen: die Bibliothek 2.0 befindet sich hier im 0.1-Stadium, d.h. in der Konzeptions- und Entwicklungsphase. Pageflakes, Netvibes und die anderen sind als Inspirations- und Orientierungsquellen geeignet.
Als technische Grundbausteine für etwas, das sich Bibliothek 2.0 nennen möchte, bedarf es meiner Ansicht nach aber etwas anderem.

Richtig angesagt sind im Web 2.0 Möglichkeiten der Möglichkeiten, Nutzern Bewertungsmöglichkeiten für Medien anzubieten. Mit Amazon und www.guenstigweg.de hat man hier zunächst nur Beispiele aus dem e-commerce in der Hand. Beispielsweise im Weblog-System Serendipitiy gibt es auch die Möglichkeit zur Einbindung eines Plug-Ins zur Bewertung der jeweiligen Einzel-Postings. Generell ist zu vermuten, dass in Sachen Catalogue Enrichment Amazon das Benchmark darstellt, wobei mitunter der Link zu Amazon aus dem OPAC heraus selbst das Enrichment bildet...

Stufe 3: Kontakt

Für Friedrich Figge und Katrin Kropf stellt die Kontaktebene die "Zwischenstufe zur Community-Bildung" dar. Dabei geht es ihnen aber hauptsächlich um die betriebsinterne Kommunikation und hier hätte man ganz gut die Idee aufgreifen können, mit Web 2.0-Anwendungen das etwas aus dem Trend geratene Konzept des Wissensmanagements zu revitalisieren.Darüber wird wohl jemand anderes schreiben (müssen).

Im vorliegenden Aufsatz geht es ganz einfach um den Kontakt zwischen den Mitarbeitern, wobei der "persönliche Direktkontakt" und das "Telefonat" leider etwas unfair gegen das Instant Messaging aufgerechnet werden. So betonen die Autoren bei der ersten Variante die Nachteile ("aufgrund ihrer Flüchtigkeit auch nicht immer die verlässlichsten Kontaktmöglichkeiten"), während zum IM eine entsprechende Bewertung fehlt.

Zusätzlich ist es nicht unbedingt nachvollziehbar, inwieweit die "sofortige Nachrichtenübermittlung" und Echtzeitkommunikation verlässlicher ist, als ein persönliches Gespräch. Dem Laien dürfte auch der Unterschied zum Telefonat verborgen bleiben, zumal es in Gestalt der Internettelefonie gleich wieder auf's Tapet kommt.
Keine Erwähnung findet leider die eigentlich naheliegende Anwendung von Instant Messaging im Auskunftsbereich.

Stattdessen wird Yahoo!Clever (kritisch) vorgestellt, dass sich von dem im letzten Jahr eingestellten Google-Answers vor allem durch einen Mangel an Qualitätskontrolle unterscheidet.

Für Digital Reference-Dienste gibt es ganz andere Tools, als dass man sich unbedingt an der Yahoo-Frage-Antwort-Spielerei orientieren muss.

Und noch eine Problemstelle findet sich in diesem Abschnitt: Die Aussage, dass der "Blog der Benutzer der Berliner Staatsbibliothek ein erster Ansatz für eine Community-Bildung auf Online-Ebene" darstellt, ist so schlicht verkehrt.
Obendrein erfüllt er seine Rolle als Beispiel auch nur bedingt, da die Inititative hier
nicht von der Bibliothek ausging, sondern von einem (frustrierten) Nutzer. Er stellt also einen typischen Beleg dafür dar, dass bibliotheksbezogenes Web 2.0-Adaptionen (wenn man es so sagen will) bislang vorwiegend unabhängig von den Bibliotheken entstehen.
Und dass viele Weblogs "bereits" Kommentare zu lassen, ist ebenfalls leicht an der Realität vorbei formuliert: das ib.weblog lässt Kommentare seit es besteht, also seit 2003, zu; im netbib weblog gibt es die Funktion noch länger.

Kommentare in Weblogs sind vielmehr als eine Default-Einstellung zu verstehen und stellen den Regelfall dar.



Stufe 4: Die Kommunikation und die Community


Die Kommunikation in der Bibliothek 2.0 vollzieht sich zweigleisig: einerseits "zwischen Bibliothek und Benutzer" und andererseits "den Benutzern untereinander". Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen, allerdings zwingt die daran anschließende Passage schon wieder zur Distanzierung:


"Gerade jetzt, wo immer mehr Benutzer die Flucht in Online-Welten antreten: Was liegt näher, als die Verfolgung aufzunehmen und als Bindeglied zwischen physischer Bibliothek und dem fliehenden Benutzer eine Online-Plattform zu errichten?" (S.145)

Hier ist der Drang zur Metaphorik ordentlich ins Groteske entglitten. So ist unklar warum und wovor der Benutzer flieht, sich also in Sicherheit bringt. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Benutzer der Bibliothek enteilen, da sie im Internet Dinge finden, die sie woanders nicht entdecken, ist Flucht ein denkbar schwieriger und in diesem Zusammenhang nicht wertfrei benutzbarer Ausdruck. (Eine sozialpsychologische Interpretation über einen grauen und einsamen Alltag und einen bunten, geselligen Online-Eskapismus wäre denkbar, ist aber hier offensichtlich fehl am Platze...)

Und selbst wenn die zunehmende Online-Nutzung die Nutzung von Bibliotheksangeboten verringert, treibt die Benutzer eher die Suche nach etwas Neuem, als die im Regelfall einer Flucht vorausgehenden Bedrohung.

Wenn überhaupt, dann wandern die Benutzer ab oder, noch besser, verändern ihr Mediennutzungsverhalten. Auch ist es laut allgemeiner Jagderfahrung weniger ratsam (und vorallem höllisch aufwendig), ein fliehendes Tier zu "verfolgen" - es sei denn, man möchte es zu Tode hetzen. Der effektive Waidmann zieht es vor, seiner Beute aufzulauern: In der Überraschung liegt der Erfolg und die erfolgreiche Bibliothek 2.0 tut danach entsprechend gut daran, denn Benutzer mit Innovation zu überraschen.

Drittens ist das Grundprinzip des Partizipationsnetzes Web 2.0 nunmal die Aktivität des Nutzers: ihm eine Online-Plattform zu errichten, hieße, ihm wieder ein vorgefertigtes Angebot vorzusetzen. Wenn Benutzer tatsächlich lieber Web 2.0-Medien nutzen, liegt es wohl darin begründet, dass sie hier (inhaltlich) frank und frei mitgestalten können.

Als Beispiel für ein Community-Portal verweisen die Autoren ausgerechnet mit Ciao.de ausgerechnet auf eines der "der größten und erfolgreichsten Shopping-Portale in Europa". Würde man das ganze Unterfangen etwas schlichter beginnen und z.B. ersteinmal eine simple Interaktionsplattform einrichten, wäre der beschworene "Initialaufwand" sicher zu reduzieren. Zusätzlich sollte man neben dem Initialaufwand auch den Betreuungsaufwand nicht unterschätzen: gerade der betonte Anspruch an Qualitätskontrolle und die Steuerung und Setzung von Schreibanreizen dürfte mit den üblichen Personalstrukturen an deutschen Bibliotheken nur schwer auf einem Ciao.de-Niveau umzusetzen sein.



Generell empfiehlt sich bei aller Euphorie, die man dem technisch Machbaren im Web 2.0 so gern entgegen bringt, vor Implementierung die Frage zu stellen, ob und wie die Angebote mit den (auch zu erwartenden) Nutzeransprüchen abstimmbar sind. (vgl. dazu z.B. The Dark Side of Library 2.0: "It's the Patron, Stupid")

Kleine Wettbewerbe wie der im Text angeführte YouTube-Contest der Jugendabteilung in der Denver Public Library bilden einen schönen Anreiz, benötigen aber auch das passende Umfeld. Recht originell ist die Idee der Muskingum College Library, die Fotos über die Annotationsfunktion bei Flickr mit ihrem OPAC verbindet.
Das Potential für eine fruchtbare Bibliothek 2.0-Anwendung kann ich darin allerdings noch nicht erkennen und 400 Bildaufrufe sind angesichts der Tatsache, dass es die Aufnahme eines Fahrstuhl aus der Seattle Public Library auf den 10fachen Zustrom bringt, auch nicht übermäßig viel.

Einen ähnlichen Schnellschuss hinsichtlich der Quantität von Kontakten stellt die Bewertung des Erfolgs der MySpace-Seite der Brooklyn College Library dar. Diese hat - bei allein mehr als 11000 Undergraduate-Studierenden am College - 2000 ausgewiesene "Freunde".

Der Rapper Snoop Dogg hat eine halbe Million. "Freundschaft" bedeutet in der MySpace-Welt ersteinmal nur, dass jemand ein paar Mausclicks absolviert hat... Man gönnt den MySpace-Fans aus Brooklyn jeden einzelnen
Kontakt - das ganze große Bibliothek 2.0-Erlebnis ist es dennoch nicht, sondern eher ein positives Zeichen dafür, dass auch Bibliotheken auf der hippen Selbstdarstellungsplattform nicht geschnitten werden.

Möchte man die Community im eigenen Netz, so sollte man als Web 2.0-willige Bibliothek erst einmal klären, was man sich darunter vorstellt - die Möglichkeiten des Web 2.0 bieten eine ganze Bandbreite an Verknüpfungskonzepten, die sich allesamt als Community verkaufen.

Welche Variante des Community-Potpourri für eine Bibliothek sinnvoll ist, ergibt sich vor allem aus der Überlegung, welches Resultat man anstrebt. Unbestritten besteht die Chance, mit Web 2.0-Anwendungen, Nutzer besser zu erreichen. Ob es tatsächlich "mehr" werden, ist eine andere Sache, wie es mit einer Bindung im Web aussieht ebenso. Dass Scharen von ehemaligen Nichtnutzern ihren Leseausweis beantragen, weil es nun eine Webcommunity auf der Bibliothekswebsite gibt, ist kein wahrscheinliches Szenario.
Eher gelingt ist, die ohnehin bibliotheksaffinen Zielgruppen besser zu erreichen und im Idealfall stärker zu aktivieren. Die Vorgabe, mehr Nutzer zu akquirieren halte ich für einen bestenfalls sekundär relevanten Ansatz. Zentral bei den geschilderten Unterfangen müssten in meinen Augen die Optimierung und Entwicklung von Dienstleistungen sein, die die Möglichkeiten der Bibliotheksnutzung vervielfältigen und gleichzeitig optimieren.

Fazit


In der Gesamtschau gehört der Beitrag von Friedrich Figge und Katrin Kropf leider in das berühmte Schubfach "Vertane Chance". Die Anwendung der E-Publishing-Pyramide erfindet das Rad nicht unbedingt neu, ist als Visualisierung aber u.U. geeignet.

Die damit einhergehenden Erläuterungen sind jedoch weitgehend oberflächlich und zum Teil sogar irreführend. So greift auch der Hinweis, man könne über das Monitoring des Tag- und Bookmarkverhaltens "Trendscouting" betreiben, dahingehend absolut zu kurz, dass man damit nur einen recht kleinen Anteil der Webnutzerschaft in die Bedarfsermittlung einbezieht, nämlich diejenigen, die solche Werkzeuge nutzen. Die Gefahr einer derartigen Betriebsblindheit wird bei der Auflistung der Risiken (Datenschutz, "unerwünschte Inhalte", Ablehnung durch die Nutzer) aber nicht erwähnt.

Die Enttäuschung ist also eine etwas größere: Von der titelgebenden "Bibliothek 2.0", ihren Chancen und Risiken ist insgesamt nur wenig zu lesen - es sei denn, man geht davon aus, dass die Einbindung von ein bisschen Web 2.0-Technologie schon alles ist, was sich hinter dem Begriff verbirgt. Dann wäre dieser aber nach meinem Verständnis eher überflüssig. Eine notwendige Auseinandersetzung mit dem durchaus auch anders grundierbaren Konzept der Bibliothek 2.0 bzw. Library 2.0 (sh. auch hier), die man anhand des Titels durchaus hätte erwarten können, findet nirgends im Text statt.

Als Handlungsanleitung und Hinweisgeber mag der Artikel in Ansätzen geeignet sein, als mehr kann er bedauerlicherweise nicht überzeugen.

Ein Blog am Ende des Journals? Der Christian Science Monitor beleuchtet das wissenschaftliche Publikationswesen.

Freitag, 2. Februar 2007

Gedanken zu Lamb, Gregory M.: Is this the end of the scholarly journal? In: The Christian Science Monitor.
January 24, 2007

Volltext

von Ben Kaden
Text als PDF
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Im ib.weblog habe ich schon einen kleinen Hinweis auf den im Christian Science Monitor am 24. Januar 2007 erschienenen Artikel „Is this the end of the scholarly journal?“ untergebracht. Nun gibt es hier auch noch eine kleine und kurze Auseinandersetzung damit.

Natürlich ist die Überschrift, die Gregory M. Lamb beziehungsweise die CSM-Redaktion wählte, ein bisschen zugespitzt, denn ganz so endzeitlich ergibt sich die Situation der wissenschaftlichen Zeitschriften trotz aller konkurrierenden Formen nun doch nicht. Die Journals mit ihrer langen Tradition als Zentralorgane der Wissenschaftstradition haben durchaus mehr Substanz zusammen getragen, als dass sie durch ein paar Blogs und Repositories in Seenot gerieten. Aber ein bisschen schaukeln sie doch angesichts der Wellen, die das Web 2.0 und verwandte Entwicklungen auch im Bereich der Wissenschaftskommunikation schlagen.

Geistesblitzschnell

Der Journalist des Science Monitor greift zu einer anderen, etwas unstimmigen, Metapher: Wissenschaftlicher Fortschritt vollzieht sich manchmal über Geistesblitze („lightning flashes of inspiration“), die Publikation desselben bleibt noch immer in der dahergebrachten Methode des Aufsatzes, der in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erscheint. Die Unstimmigkeit des Einleitungssatzes ergibt sich nun daraus, dass die „Geistesblitze“ sich sogar schon vor der Existenz des wissenschaftlichen Journals, wie wir es kennen, in der Stereotypenkiste der Wissenschaftsromantik kennen (Heureka!). Ihre Rolle für die Erkenntnisproduktion hängt also in keiner Weise mit dem Wandel zusammen, den Lamb im Anschluss beschreibt.

Um Geschwindigkeit allerdings geht es. Und eigentlich noch mehr als das um Einfachheit. Und andererseits auch um Komplexität. Diese drei Dinge finden sich – und zwar auf einmal, d.h. in wunderbarer Einheit – als Merkmale der neuen Formen in der Wissenschaftskommunikation, die z.B. Michael Seringhaus und Mark Gerstein dazu veranlassten, in der Zeitschrift „The Scientist“ ein Positionspapier mit dem aufrüttlerischem Titel „The Death of the Scientific Paper“ einzubringen.

Allerdings geht es auch da in der Quintessenz gar nicht so sehr darum, das wissenschaftliche Zeitschriftenwesen als zum Begraben reif zu erklären, sondern eher darum im Rahmen einer Vivisektion ganz richtig festzustellen, dass die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens in der Vielfalt liegt („Academic publishing must diversify or die.“)

Schneller und Leichter

Doch zunächst zurück zu den ersten beiden Bestandteilen der Trinität schnell-einfach-komplex. Abgesehen davon, dass es im Kern etwas an „Äpfel“ und „Birnen“ erinnert, wenn man Blogs und e-books (womit im Artikel generell elektronische Dokumente unter anderem im arXiv gemeint sind) so aus dem Handgelenk mit „peer-reviewed journals“ vergleicht, ist die Tatsache, dass es elektronische Texte in Repositories und auch Weblogs durchaus schaffen, als eine neuartige und im zweiten Fall auch fast grundsätzlich andere Form der Wissenschaftskommunikation zu gelten.
An dem nicht nur in diesem Text pauschal propagierten Ansatz der Blog-Revolution von aller und jeder öffentlichen Kommunikation und damit auch der in der Wissenschaft stört die Tatsache, dass übersehen wird, dass Blogs bei weitem nicht gleich Blogs sind, sondern zu unterschiedlichsten Zwecken, vom lockeren Tagebuch über ein reines Hinweismedium bis zur Diskursplattform und in Gestalt von Mischformen aller Art, Anwendung finden. Unbenommen sind ihnen allen das Kennzeichen der Schnelligkeit und der Leichtigkeit des Benutzens.
Dass ich diesen Text schreibe, noch einmal kurz überfliege, und dann der Weltöffentlichkeit zuposte ist ein wesentlicher Unterschied gegenüber dem Verfassen einer Besprechung für die Publikation in einem Journal, selbst wenn Rezensionen nicht unbedingt den Peer-Review-Prozess durchlaufen. Ich brauche für das Publizieren im Web mittels Weblog nur elementare Bedienkomptenzen (und natürlich den entsprechenden Zugang über das Breitbandkabel). Mit ein bisschen mehr Wissen kann ich, beispielsweise über ein sinnvolles Austaggen des Beitrags, den Erschließungsinstrumenten von Technorati bis Google die Arbeit erleichtern und mich wahrnehmbar machen.

Ansonsten bin ich weitgehend frei in Form und Stil, auch wenn sich in der Blogosphäre natürlich eigene Anforderungen an die Textgestaltung herausgebildet haben. Diese sind jedoch ebenfalls so einfach gehalten, dass sie sich verhältnismäßig reibungsarm mit dem Medium selbst vereinbaren lassen. So rücken in der Welt der Blogs mehr denn je der Gedanke, die Idee, die Skizze ins Zentrum, Methode, Analyse und umfassende Kontextualisierung dagegen häufig an die Peripherie. Wenn man das Medium als dafür geschaffen begreift, wird man ihm vermutlich eher gerecht, als wenn man es zum Totengräber der Scholarly Journals aufruft.

Mache ich mir mehr Mühe, schreibe ich einen Aufsatz und strukturiere ihn nach den üblichen Standards der Wissenschaft, kann ich ihn relativ leicht bei E-LIS oder auf irgendeinen anderen entsprechenden Server schieben. Auch das sofort und manchmal leider auch ohne sorgfältige Korrektur.

Die Druckorgane dagegen brauchen ein auf ihre Bedürfnisse hin verfasstes Manuskript, sind manchmal in Stil und Form recht pingelig und lassen – auch wenn sie sich sichtbar bemühen, die Dauer zu verringern – gern mal ein Jahr zwischen Einreichen und Erscheinen eines Artikels vergehen. (Und dann sind die Texte häufig nicht offen und frei erschlossen zugänglich.)

Da die Erkenntnisproduktion jedoch nicht für dieses Jahr aussetzt, ist ein Beitrag beim Erscheinen schon ziemlich veraltet. Im Prinzip hinkt der Diskurs, der in Zeitschriften mit diesem Publikationsrhythmus abläuft, dann in etwa dieses Jahr hinter dem Erkenntnisstand hinterher. Für die aktuelle Wissenschaft der Beschleunigungsgesellschaft ist dies natürlich kein idealer Zustand und entsprechend bereitwillig greifen zunächst die teuren und auch aus rein ökonomischen Abwegungen auf Zeitnähe eher angewiesenen Disziplinen aus dem STM (scientific, technical, medical)-Bereich gern und immer mehr auf Pre-Print-Server und Ähnliches zurück. Wenn der Artikel dann später noch einmal für Peer-Review-Journal publiziert und damit als originell bestätigt wird, ist es – z.B. für die eigene Karriere – umso besser.

Dass dagegen die eher auf länger angelegten Analysen und Argumentationen ausgelegten Geisteswissenschaften, in denen ein neuer hard fact nicht gleich die Forschung der letzten fünf Jahre über den Haufen werfen kann, hier nicht ganz so dringlich agieren, erscheint logisch.

Neue Journals, neuer Stil, neue Komplexität

Noch anders als bei den Weblogtexten und Aufsätzen in Selbstarchivierung stellen sich die Ansätze der im Science Monitor in der dort gebotenen Kürze vorgestellten Alternativen Publikationsformen PLoS One und JoVE dar.
Im PLoS One Journal wird die klassische Artikelstrukturierung beibehalten, jedoch um Annotations- und Kommentaroptionen sowie angegliederten Diskussionsplattformen für die Leser erweitert (abgesehen davon, dass es verschiedene Download-Varianten – XML, PDF, Print – und eine gelungene Navigation und Einbindung von Grafiken gibt):

Annotations can be started at any point within the text, but for ease of reading we ask that you do not begin Annotations in the middle of words.


Das stellt dann schon eine nennenswert andere Interaktionsform dar, als der klassische Leserbrief und unterstreicht einen weiteren Trend, der seine Wurzeln in der Hypertextifizierung (Rainer Kuhlen) hat: Die Texte werden, nicht zuletzt dank XML, fein durchstrukturiert, so dass am Ende kleine Informationseinheiten extrahierbar und damit einzeln annotierbar werden.
Daraus ergibt sich der dritte Aspekt – die Komplexität. Das JoVE (Journal of Visualized Experiments), welches Lamb sicher zur großen Freude von Herausgeber Moshe Pritsker als „kind of YouTube for researchers“ erklärt, macht das Bewegtbild aus dem Labor anstelle des ausformulierten und ausgewerteten Laborberichts zum Gegenstand des Journals. Auch andere Journals im Wissenschafts-WWW integrieren Videos in ihre Beiträge (z.B. Neurosurgical Focus). Eine gezielte Suche nach „embedded video“ oder „audio“ ist zwar mit Scirus und Ähnlichem noch nicht möglich, aber vermutlich nur ein Desiderat auf Zeit.

Als schwierig erscheint allerdings, dass Video und Audio-Inhalte, welche dem Rezipienten mehr als der klassische Text die Rezeptionsgeschwindigkeit vorgeben, in der Wissenschaftskommunikation bisher schwer zu handhaben sind. Film- und Tonschnipsel als Zitate sind sperriger zu verarbeiten, als Textzitate und wie man die Referenz auf die exakte Stelle richtig platziert, ist auch noch nicht geklärt.
Auch steigern (multiplizieren) Multimediainhalte die informationelle Komplexität, was in manchen Kontexten (Versuchsabläufe) anschaulich und sinnvoll ist, in anderen aber nicht. Wo nicht nur dokumentiert wird, sondern Abstraktes seine Visualisierung finden soll, ist eine entsprechende Aufbereitungskompetenz gefragt, die vermutlich kaum ein Wissenschaftler von sich aus auf höherem Niveau mitbringt. Texte schreiben ist am Ende vielleicht doch leichter als Videoschnitt, selbst im Zeitalter von iLife.

Und während in der Ornithologie die auditive Vermittlung eines Balzrufs der textuellen Beschreibung gegenüber eindeutig im Vorteil ist, sind Podcasts, in denen mathematische Beweisführungen verlesen werden, einer Darstellung in Druckzeichen nicht zwangsläufig überlegen.

Hier, wie oft auch anderen Stellen, wird zuweilen die Heterogenität der relevanten Inhalte in den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen leider angesichts einer allgemeinen Euphorie über die Möglichkeiten vernachlässigt. In wieweit diese neuen Formen der Wissenschaftskommunikation tatsächlich wirksam Anwendung finden können, ist sicher von Disziplin zu Disziplin (bzw. von Gegenstand zu Gegenstand) abzuwägen.

Daneben ist bei der Möglichkeit der Vernetzung von einzelnen Inhalts- bzw. Informationsbestandteilen von Dokumenten, auch zu klären, inwieweit die interagierenden Autoren-Rezipienten die Komplexität des sich daraus ergebenden Geflechtes von einfach und per Mausklick zu erzeugenden Ausgangstexten, Verweisen, Anmerkungen und Ergänzungen zu überblicken in der Lage sind.
Hier wird sich entsprechend eine neue Benutzungs- und Bedienungskompetenz entwickeln müssen, wobei der Usability und der Information Architecture (IA), d.h. der Gestaltung der Bedien- und Erschließungsinfrastruktur eine bedeutende Rolle zukommt. Denn im Gegensatz zu den Verkündern eines Endes der IA (anscheinend ist das Verabschieden und Begraben von allem Möglichen ebenfalls gerade ein beliebter Trend), gehe ich davon aus, dass die kognitive Verfasstheit des Menschen eben doch gewisse stabile Marksteine und Leitlinien benötigt. Und dazu gehören auch (temporäre) Festlegungen von Informationsstrukturen, die allerdings so flexibel gehalten werden müssen, dass sie Beziehungen (relationships), die nun offensichtlich ins Zentrum des WWWebs rücken, abbilden können und doch eine (spezifische) Kanalisierung des Informationsflusses ermöglichen.

Post-Peer-Review

Neben dem schnellen (in der Publikation), einfachen (in der Bedienung) und komplexen (in den Inhalten und ihrer Entwicklung) Charakter der neuen Möglichkeiten für die Wissenschaftskommunikation ist die Verabschiedung vom bislang zentralen Qualitätssicherungselement der Publikation in wissenschaftlichen Zeitschriften: dem Peer-Review-Verfahren die eigentlich einschneidende Veränderung.

Neben den als Negativmerkmale häufig hervorgehobenen Aspekten „slow, expensive, profligate of academic time“, die auf den Aufwand bezogen sind, sind es auch Gesichtspunkte, die die Rolle des Peer Reviewing für die objektive Bewertung der wissenschaftlichen Qualität eines Artikels massiv relativieren: „prone to bias, easily abused, poor at detecting gross defects, and almost using for detecting fraud“ zitiert Lamb ein vernichtendes Urteil, welches 1997 im British Medical Journal erschien (was ich nicht weiter verifiziert habe). Auch hier gleitet die Argumentation in ein – für eine journalistische Kurzdarstellung vielleicht notwendige – Schwarzweiß-Schema, aber dass sich Peer-Review-Verfahren in seiner tradierten Form nicht mehr praktikabel ist, etabliert sich mittlerweile als Common Sense unter zahlreichen Wissenschaftlern. Tatsächlich scheint sich die Auffassung durchzusetzen, bei der Auswahl des Peer-Review handele es sich mehr um ein Werkzeug der Ausdifferenzierung und Etablierung bestimmter Strukturen (Rangordnungen) innerhalb der Scientific Community, die in der im Artikel erwähnten „food chain“ mit dem Ausgangspunkt der „elite scientific journals“ und einer „plethora of less prestigious (and less noticed) speciality journals“ ihren Ausdruck findet.

Dieses Ranglisten nach „Exzellenz“ unterwandert das PLoS One, in dem es Solidität den Vorrang vor einer von Reviewing Peers attestierten Originalität setzt und der Selbstorganisation des wissenschaftlichen Progress’ durch den direkt am Dokument stattfindenden Diskurs Raum gibt:

“The idea ist hat the more valid research is published, the better, as it contributes to an online database.“


Daraus könnte man ableiten, dass mehr hier mehr ist: Je mehr Forschungserkenntnis zugänglich ist, desto höher scheint auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich mittels der dadurch entstehenden Erkenntnisdiversität, verfestigte Wissenschaftsparadigmata – auf denen die Einschätzungen der Reviewing Peers mitunter beruhen, eher durchbrochen werden und somit wissenschaftliche Innovation beschleunigt und vielfältiger abläuft.

Der Wermutstropfen in diesem Verfahren ist jedoch wiederum die Tatsache, dass für den Durchschnittswissenschaftler die Menge des überblickbaren Publikationsaufkommens im Vergleich zum tatsächlichen Publikationsaufkommen schon im Peer-Review-Zeitalter reichlich beschränkt war. Mit welcher Form des Zeitmanagement man im Post-Peer-Reviewing dem potentiell ständigen und dem üblichen Publikationszyklen der Journals enthobenen Publizieren, Annotieren und Diskutieren begegnet scheint noch recht unklar.

Form dem Sinn als Aufgabe der Bibliothek

Umso wichtiger scheint mir – um es noch einmal zu betonen – die Ausgestaltungsprinzipien der Erschließung und Darstellung von Webinhalten dieser Art auf diese Entwicklungen hin weiter zu entwickeln. Dies erhält besonders für die Bibliotheken bzw. die Bibliothek 2.0 Relevanz, die diese Inhalte ihren Benutzern zur Verfügung stellt.
Die Aufgabe der Bibliothek 2.0 wird es also sein, nicht nur – wie bei den klassischen Journals – die Originalarbeiten zu sammeln, zu erschließen und verfügbar zu machen, sondern auch den gesamten Annotationsapparat des „Perpetual Reviewing“ mit in diesen Zyklus zu integrieren. Hier sehe ich bislang bestenfalls rudimentäre Ansätze und gleichzeitig ein wichtiges Forschungsfeld einer progressiv ausgerichteten Bibliothekswissenschaft.

Daneben wird das klassische Peer-Review-Journal allerdings auch noch eine ganze Weile weiter existieren. Nur scheint es seine Rolle dahingehend anzupassen, dass es zunehmend offener das darstellt, was es implizit schon immer ein bisschen war: Ein Instrument zur Promotion der wissenschaftlichen Reputation.

Danowski/Heller: Bibliothek 2.0: Die Zukunft der Bibliothek?

Donnerstag, 23. November 2006

Danowski, Patrick, Heller, Lambert: Bibliothek 2.0: Die Bibliothek der Zukunft?. In: Bibliotheksdienst 11/2006, S. 1256 - 1271

Im E-LIS Archiv als Volltext

Die Besprechung erfolgt auf der Grundlage der Version bei E-LIS.

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Patrick Danowski und Lambert Heller sind Vertreter einer "neuen", web2.0-affinen Generation von Bibliothekaren und begeistert von den Entwicklungen im Bereich der Sozialen Software und deren Auswirkungen auf das Bibliothekswesen. Das merkt man ihrem groß angekündigten und viel gelobten (hier oder hier) Beitrag für den Bibliotheksdienst, der vorab schon bei E-Lis abrufbar ist auch an. Der Text ist rein affirmativ - kritische Aspekte von Web und Bibliothek 2.0 und mögliche Folgewirkungen finden sich leider nicht betrachtet. Das ist insofern schade, da sich eine (sachliche) kritischere Auseinandersetzung mit dem Phänomen Bibliothek 2.0 bisher kaum findet.

Die Autoren legen - besonders im letzten Kapitel - eine Art Programmpapier vor und schaffen so im deutschsprachigen Raum eine Art Diskussionsbasis, deren entscheidender Vorteil es gegenüber all den mittlerweile im Web auch in Deutschland schon recht zahlreich vorliegenden Gedanken und Äußerungen zum dem Thema erstaunlicherweise sein wird, dass sie gedruckt erscheint. Während also die Diskussionen im netbib-Weblog, in Partrick Danowskis Bibliothek 2.0 und mehr, in LIS Potsdam oder an anderen Stellen von der vermutlich angestrebten Zielgruppe für den Artikel nicht wahrgenommen werden dürfte, fängt man sie schließlich mit der Publikation in einer weitverbreiteten Fachzeitschrift. Nun kann auch der socialweb-resistenteste Bibliothekar nicht mehr sagen, er hätte von nichts gewusst.

Für diesen "aufklärerischen" Zweck ist der Beitrag gut geeignet. Im ersten Teil werden noch einmal die Grundelemente des Web 2.0 dargestellt. Der Auszug aus der Wikipedia dürfte allerdings für die, die sich mit Thema auskennen, zu redundant und für alle anderen wenig hilfreich sein. Hier wäre eine Kurzdarstellung der Grundprinzipien, wie sie z.B. Web 2.0-Benenner Tim O'Reilly selbst ausführt oder wie sie Markus Angermeier mit seiner Netz 2.0-Mindmap visualisiert eventuell hilfreicher gewesen sein. Dass die Anwendungen dann auf Ajax, XML und RSS basieren und Google Docs & Spreadsheets oder del.icio.us heißen, hätte man immer noch ergänzen können.
Del.icio.us und Google-Docs dienen hier denn auch als Hauptbeispiele, an denen die Kernelemente, besonders das Tagging, im Schnelldurchlauf erläutert werden.

Spannender ist der Abschnitt Bibliothek 2.0: Ein Paradigmenwechsel und selbst wenn man die landläufige Überstrapazierung des "Paradigma"-Begriffs nicht mag, so ist er hier doch eindeutig richtig platziert. Das Neue liegt in der Wechselseitigkeit, die Bibliotheksnutzer und Bibliothekare ("und andere "Informationsprofis") in einen gemeinsamen Informationssammlungs-, -aufbereitungs- und -verarbeitungsprozess führt. Die Bibliothek 2.0 scheint sich zu einer Plattform für informationsbezogenes Handeln zu entwickeln, wobei man beim konsequenten Weiterdenken des Konzeptes noch mehr von dem Althergebrachten in Frage stellen muss, als es die Autoren tun. Wenn der Nutzer zunehmend als ein die Bibliotheksangebote mitbestimmender Informationsprosument agiert, stellt sich die Frage, ob die Bibliothek noch Informationsdienstleistungen anbietet oder vielmehr Räume, in denen sich Information Life Cycles unter Beteiligung diverser Akteure vollzieht. Der - in meinen Augen schon jetzt missverständliche und missverstandene - "Kunden"-begriff wäre kaum noch zu halten - mehr denn je würden Nutzer wirklich "Nutzende" sein und darüber hinaus auch "Nutzen schaffende". Nachdem die kundenorientierte Bibliothek eine "just-in-time"-Konzeption im Sinne einer hochentwickelten Informationslogistik in ihr Zentrum rückte, wäre das Grundprinzip der die Bibliothek 2.0 nicht mehr nur "just-for-me", sondern darüber hinaus auch "just-by-me".

Ziel der Bibliothek 2.0 ist es nicht mehr, wie Patrick Danowski und Lambert Heller im Anschluss an Michael C. Habib betonen, eine "richtige" Benutzung der Bestände und Erschließungsmittel zu vermitteln.
Vielmehr stünde in der Konsequenz die Vermittlung von Gestaltungskompetenz sowohl hinsichtlich der Medien selbst, die in digitalen Umgebungen weitgehend flexibel sein dürften, und der Erschließung dieser Medien. Da eine Konsensfindung unter den diversen Akteuren mit dem Ziel einer allgemeingültigen Erschließungsmöglichkeit (z.B. einer Klassifikation) eher unwahrscheinlich ist, müsste die Bibliothek 2.0 offen für parallel existierende Zugangsformen sein, die auch Folksonomies oder Selfsonomies der Nutzer als gleichberechtigt akzeptieren. Wenn man fragt, wie man diese heterogenen Formen letztlich miteinander automatisch abstimmen kann, ist man gleich beim Themenspektrum Semantic Web.

Eine einfache praktikable Möglichkeit für eine bookmarkartige Selbst-Erschließung von Beständen ergibt sich aus dem von den Autoren erwähnten OpenURL System:
"Jeder einzelne Buchtitel und jede einzelne Ressource sollte durch eine permanente möglichst aussagekräftige URL angesprochen werden." Je nach Digitalisierungsgrad bzw. Volltextverfügbarkeit, so möchte man hinzufügen, sollte dies soweit flexibilisiert werden, dass man jedes vom Nutzer als bedeutungstragend eingeschätztes Informationselement bis hin zum Einzelwort entsprechend markieren und mit einem dauerhaften URI versehen kann.

Vom Bookmarken der Inhaltselemente zum Austausch der Verweise, aus denen sich dann eine Grundlage für die "Soziale Bibliothek" ergibt, ist es nur ein geringer Schritt und wenn man diesen Austausch mit entsprechenden "Recommender- und Popularitätsfunktionen" koppelt, schafft man sich die Bibliothek als "objektzentriertes soziales Netzwerk" (OSN).

Die Rolle der Bibliothekare kann in diesem Zusammenhang die einer "Moderation" in Form einer Sicherung der Informationsqualität sein, denn wie man im Amazon-Alltag sieht, ist Schwarmintelligenz hinsichtlich der Bewertung von Medien vorwiegend vom Populärgeschmack gelenkt, so dass sich mitunter gravierende Fehleinschätzungen hinsichtlich der Qualität und Relevanz eines Mediums ergeben. Auf den zukünftigen Lehrplänen der bibliothekarischen und bibliothekswissenschaftlichen Ausbildungsstätten wird sich folglich in Zukunft auch nutzerbezogene Sozialpsychologie in weitaus stärkerem Maße als bisher finden (müssen).

Patrick Danowski und Lambert Heller formulieren dies nicht so weit aus, zeigen aber auf, dass besonders der traditionelle Erfahrungsschatz aus Bibliothek und Dokumentation hinsichtlich der Möglichkeiten und Probleme inhaltlicher Erschließungsmittel in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung bekommt.

Jedoch findet sich bei allem Visionären die Entwicklung bislang in einem sehr rudimentäre Stadium, so zeigt sich am ausgeführten Beispiel des WorldCat, dass man sich oft zwar mitentwickeln möchte, dies aber eher vorsichtig tut und die sich abzeichnende Rollenverschiebung noch nicht so ganz akzeptieren mag. Der Auffassung, dass sich die Bedeutung der Bibliotheken in der Zukunft nicht mehr über die (Daten)Bestände sondern über die Benutzbarkeit als nutzeroptimierter bzw. -optimierbarer Zugangsweg definiert wird, will man sich an diesen Stellen offensichtlich noch nicht anschließen. Woanders (z.B. an der LMU München) ist man in diesem Punkt anscheinend offener.

Schließlich wird als letztes Anwendungsfeld, bevor sich die Autoren dem Selbstverständnis des Bibliothekar 2.0 zuwenden, das Phänomen Weblog als Schnittstelle für die Bibliothek-Nutzer-Kommunikation angerissen, wobei festzuhalten ist, dass Weblogs vor allem dazu geeignet scheinen, die Web 2.0-aktive Nutzer da abzuholen, wo sie sich nunmal befinden.

Der letzte Abschnitt ist der Aufruf zu einem Web 2.0-offenen Berufsverständnis. Ausgangspunkt ist die Überlegung, wie sich die Tendenz zur Bibliothek 2.0 in der Wissenschaft und in Wissenschaftlichen Bibliotheken umsetzen lässt. Dabei werden einige aktuelle Trends in der Wissenschaftskommunikation über Webplattformen aufgezählt (digitale Quellen- und Zitationsverwaltung, webbasierte Textproduktion, Review- und Annotationsprozesse über Web 2.0-Medien, Langzeitarchivierung) und die Frage nach der Rolle der Bibliothekare in diesem Kontext aufgeworfen.

Der sich anschließende Apell, neue Webmedien zu akzeptieren, wirkt dabei auf den Leser fast erschreckend: Sollte es tatsächlich so sein, dass die wissenschaftlichen Bibliothekare derart an ihrer Klientel vorbei arbeiten? Denn eigentlich gewinnt die Wissenschaftliche Bibliothek ihre Legitimation vorwiegend aus ihrem Nutzen für die Wissenschaft(ler). Dieser entsteht dadurch, dass die Bibliothek Publikationen sammelt, erschließt und verfügbar macht und auf diese Weise die Wissenschaftskommunikation kanalisiert und optimiert.
Wenn sich nun alternative Formen für diesen Prozess durchsetzen, die sich ohne jegliche Einbindung der wissenschaftlichen Bibliothek vollziehen, dann wird dieselbe spätestens obsolet, sobald ihre letzten Altbestände digitalisiert vorliegen. Ihr bliebe entsprechend nur noch die Bedeutung als Speicher für die Primärformen der Digitalisate. Ihre Kernaufgabe wäre jedoch dahin. Es verwundert vor diesem Hintergrund etwas, dass die Bibliothekare anscheinend diese Gefährdung nicht realisieren und eines solchen Weckrufes bedürfen.
Bei der Argumentation für die Einsetzbarkeit von Web 2.0 Elementen in der Wissenschaft, die man angesichts der von Wissenschaftsverlagsseite forcierten RSS-Dienste u.ä. kaum mehr betonen müsste, weisen die Autoren leider auf ein grundlegendes Element der aktuellen Wissenschaft nicht hin, nämlich dass diese schon eine ganze Weile zu großen Teilen kollaborativ verläuft. Dabei ist erstaunlich, dass die Bibliotheken dieser Notwendigkeit nach Zusammenarbeit bei der Erkenntnisproduktion bisher offensichtlich wenig Rechnung getragen haben bzw. wenig Rechnung tragen mussten. Jetzt, da sich ernstzunehmende Alternativen herausbilden, müssen sie sich wohl zwangsläufig darauf einrichten und "effektiv dabei helfen, diesen wertvollen Informationskreislauf zu schließen."


Berlin, 23.11.2006

Ben Kaden

Pomerantz/Stutzman: Collaborative reference work in the blogosphere

Mittwoch, 20. September 2006

Pomerantz, Jeffrey ; Stutzman, Frederic: Collaborative reference work in the blogosphere. In: Reference Services Review. 2/2006 (34) S. 200- 212

Das PDF ist hier abrufbar.


Reference und Blogosphäre

Die Blogosphäre dringt in die Bibliotheken. Dies allerdings eher langsam, was besonders dann gilt, wenn es weniger um zumeist privat initiierte Blogs von Bibliothekaren oder Bulletin-Board-artige allgemeine Informationsweblogs geht, sondern um konkrete Anwendungen, die erahnen lassen, was sich hinter dem Buzzword Library 2.0 verbergen könnte.

Einen kleinen Einblick in das, was ihrer Meinung nach in diesem Bereich passieren könnte, geben Jeffrey Pomerantz - Assistant Professor an der School of Information and Library Science at the University of North Carolina at Chapel und Frederic Stutzman, PhD-Student an derselben Schule, in ihrem Aufsatz.

Die Autoren gehen davon aus, dass das Weblog-Prinzip im Reference-Bereich gut einsetzbar wäre, auch wenn dies bislang noch nahezu überhaupt nicht geschieht.

Voraussetzung dafür ist ein Wandel der Grundstruktur von Reference-Dienstleistungen. Der klassische Dienst ist eine Eins-zu-Eins-Kommunikation zumeist vor Ort in der Bibliothek, die sich zu großen Teilen synchron vollzieht, d.h. der Bibliothekar versucht möglichst sofort die Antwort auf die Anfrage zu finden. Zum Teil muss er über ein Gespräch den Kern der Anfrage ermitteln.

Eine zweite Variante aus der WWW-Welt ist die E.mail-Auskunft. Dieser Typus ist – im Gegensatz z.B. zu Reference-Chats – asynchron, d.h. der Auskunftsbibliothekar ruft die E.mails mit Anfrage in der Regel zu einem späteren Zeitpunkt ab und hat entsprechend einen größeren Zeitraum für Recherchen zur Verfügung. Aber auch hier bleibt die Eins-zu-Eins-Situation bestehen.

Eine blogbasierte Auskunft greift dagegen auf das Community-Prinzip zurück. Beim „indirect reference“, kann mehr als ein Bibliothekar auf die Anfrage des Nutzers eingehen. Wenn ein Nutzer eine Frage stellt, besteht z.B. in der jeweiligen Blog-Community die Möglichkeit, dass weitere, u.U. zu diesem Thema kompetentere Personen auf die Frage eingehen. Daraus ergibt sich eine „Auskunftsshäre“ (Reference Sphere). Der Auskunftsdienst wird zu einem gemeinschaftlichen Handeln.

Kollaborative Ansätze, d.h. Collaborative Reference Work sind an sich nichts ganz Neues, sondern haben z.B. in Angeboten wie Ask MetaFilter (nichtbibliothekarische) Vorläufer. Eine andere, stärker auf die Möglichkeiten von RSS zurückgreifendes, bislang jedoch fast nicht genutztes Angebot soll Story Starters darstellen. Der Unterschied zu den schon vom Listserv bekannten Prinzip ist die Ausnutzung der technischen Grundeigenschaften von Weblogs. Entscheidend sind dabei der Permalink und das RSS-System.

Lyceum

Das Konzept der Autoren bezieht sich auf ein System namens Lyceum. Diese auf Wordpress aufbauende Software erzeugt eine lokale Blogosphäre, d.h. ein lokal begrenztes Blognetzwerk in dem die Vernetzung über gemeinsame Erschließungsoberflächen besonders strukturiert wird.

Lyceum stellt damit einen möglichen Ansatz für eine Art Meta-Blogging im Reference-Bereich dar.

Dabei gibt es zwei entscheidende Grundmerkmale:

Erstens ist das Content-Tracking über RSS gezielt und sehr flexibel einstellbar und zweitens kann das Post und Respond-Verhalten im Blog (z.B. blogometrisch) z.B. mittels Loganalysen (denn jede Anfrage ist über seinen Permalink direkt im Nutzungsverhalten gekennzeichnet) besser erfasst und ausgewertet werden.

Das Verfahren

Fragen werden grundsätzlich als Blog-Posting und Antworten durch die Bibliothekare als Comment eingeführt. Zudem werden die Fragen nach entsprechenden Fachgebieten, d.h. Kategorien thematisch geordnet.

Der Auskunftsbibliothekar kann sich via RSS seine relevanten Fachgebiete abbonieren und erhält per RSS-Feed neu eingehende Fragen. Der Nutzer kann sich ebenfalls über einen RSS-Feed sämtliche Antworten zu seiner Frage abbonieren.

Der Feed kann also über RSS-Filter nach Meta-Classifiern (“Kategorien”) eingegrenzt werden. Die Autoren sehen dabei vier Varianten von RSS-Streams:

1. die ganze (lokale) Blogosphäre
2. die Posts eines spezifischen Blogs
3. themenspezifische Posts
4. themen(kategorien)spezifische Posts in einem spezifischen Blog


Alle Fragen und Antworten finden sich in einem zentralen Blog-Repository archiviert und bilden so mit der Zeit eine Art Reference-Archiv auf das beim wiederholten Auftreten einer Anfrage zurückgegriffen werden kann. Auch können Antworten später jederzeit ergänzt werden.

Offene Fragen

Offen bleiben bei dieser recht einleuchtenden Idee natürlich Fragen z.B. danach, wie dieses System gepflegt werden kann und in welcher Form die Qualitätskontrolle erfolgt.

Auch wenn Auskunftsbibliothekare die Beantwortung der Fragen übernehmen, so wird sicherlich mindestens ein Administrator benötigt, der sich um das reibungslose Funktionieren der lokale Blogosphäre kümmert.

Zu ermitteln ist weiterhin, wie Nutzer das System annehmen würden. Konkret sehen die Autoren drei ungeklärte Aspekte:

1. Für wen und für welche Anfragen ist das System geeignet? : “Can community reference work serve the needs of all types of patrons with all types of information needs? Or is it necessary that the community be constrained by a common interest in difficult questions or some other limiting characteristic?” - S. 207

Kann das System umfassend eingesetzt werden oder bietet es sich eher für besondere Arten von Fragen an? Ebenfalls offen ist, ob sich alle Nutzer an einem solchen System beteiligen würden oder ob sich hier Experten treffen. Da die Erfahrungen mit solchen Modellen noch sehr gering sind, muss man vermutlich erst einmal Ausprobieren und so erste Eindrücke sammeln.

2. Wer übernimmt für die Beantwortung welcher Fragen?: „Fundamentally, the issue of credentials reduces to the question of who should be allowed to provide reference assistance, and in a situation of differentiated service, who should be allowed to provide what sort of assistance?“ - S. 207

Die Frage zielt auch dahin, inwieweit man ein solches System öffnet und die Community ausdehnt. Im Prinzip könnte man auch Bibliotheksnutzer für Antworten zulassen, sofern sie sich auf bestimmten Gebieten als Experten erweisen. Wo zieht man die Grenze und wie viel „paraprofessionalism“ lässt man zu? Wie sichert man an dieser Stelle die Informationsqualität?

Eine klare Antwort findet sich auch für diesen Punkt nicht: „Again, it is an empirical question as to what the appropriate level of openess or restriction is for blog reference in different environments.“ - S. 207


3. Wie verhält es sich mit dem Verweis von Anfragen an weiterführende Quellen/Experten, wenn eine Beantwortung im normalen Reference-Kontext nicht möglich ist? Die Autoren sehen hier die Lösung in der Blogosphäre selbst: „A patron may post a question in a reference blog that is out of scope for that particular blog or library. However, in a blogosphere, that post may then be automatically indexed in a meta-blog.” Diesen Meta-Blog gilt es allerdings ebenfalls erst zu initiieren.

Überhaupt ist der vorliegende Text hauptsächlich eine Überlegung, was möglich wäre. Konkrete Erfahrungen mit solchen Systemen liegen bislang kaum vor, entsprechend grau ist auch noch die Theorie. Lyceum hat z.B. als lokale Blogosphäre an der Johns Hopkins University eine Anwendung gefunden, allerdings nicht als Reference-Tool.

Web 2.0 und Library 2.0

Vielleicht muss man hier eine kleine Trennlinie zwischen Web 2.0 und Library 2.0 ziehen: Die Idee einer lokalen Blogosphäre ist sehr reizvoll und in akademischen Kontexten ausgesprochen sinnvoll und erfolgversprechend.

In bibliothekarischen Zusammenhängen, wo z.B. bei Auskunftsdiensten in jedem Fall eine Qualitätssicherung gewährleistet sein muss, scheint noch weitere konzeptionelle Arbeit notwendig zu sein. So ist z.B. die Frage, wie man die Anfragen zu bestimmten Kategorien sortiert noch völlig offen. Ein entsprechendes Kategoriensystem muss dabei einerseits die Ansprüche des Durchschnitts-Nutzers, anderseits die der Bibliothekare an inhaltliche Erschließung und drittens die Gegebenheiten des Mediums berücksichtigen. Wer sich Weblogs mit eher heterogenen Inhalten betrachtet, die zudem häufig „organisch“ gewachsen sind, d.h. eine Kategorie immer dann eingeführt haben, wenn ein Phänomen erstmalig auftrat, sieht die Schwierigkeiten bei der Bewahrung einer einheitlichen und logischen Kategorienstruktur. Tagging bietet sich hier eventuell als Alternative an, jedoch muss man sich hier auf ein einheitliches Vokabular einigen, das gepflegt und – gerade auch im Web 2.0 Bereich – ständig um Verweisformen u.ä. erweitert wird. Reine Folksonomies sind für ein bibliothekarisches Angebot, das auf eine möglichst vollständige Erschließung eines Informationsbestandes Wert legt, eher ungeeignet. Die Frage ist nun, in welcher Form und mit welchem Aufwand z.B. Tag-Thesauri entwickelt werden sollten.

Je mehr man sich in die Thematik hineindenkt, desto stärker wird bewusst, wie viel Entwicklungsbedarf im Bereich der Library 2.0 gegeben ist. Man kann im kommunikativen Wildwuchs des Internets durchaus funktionierende Formen offensichtlich nur entsprechend auf den Anwendungskontext angepasst übernehmen. Daneben gilt es sich auch Anwendungen zu entwickeln, die vorwiegend oder ausschließlich im Bibliotheksbereich funktionieren. Diese Anpassungen und Entwicklungen sind ein ganz gutes Themenfeld für eine zukunftsfähige Bibliothekswissenschaft und der vorliegende Aufsatz zeigt, dass man sich in dieser z.T. diesen Aspekten schon annimmt.

Inwieweit die deutsche Bibliothekswissenschaft sich hier einbringen wird, muss sich noch zeigen. Bislang, so scheint mir, befindet man sich bestenfalls in einem Stadium des Ausprobierens dessen, was möglich ist. Eine wirklich strukturierte Forschung auf diesem Gebiet gibt es nur in wenigen Ansätzen. Ich denke, dass z.B. gerade die Virtuellen Fachbibliotheken auf diesem Feld aktiver werden sollten.
Es geht – so ist meine Prognose – bei der Bibliothek der Zukunft nicht mehr nur hauptsächlich um die Bereitstellung von Information, sondern vielmehr um die Gestaltung des Umfeldes in dem diese Bereitstellung erfolgt. Wenn die Bibliotheken überlegen (auch wenn es wissenschaftliche Bibliotheken bislang noch nicht unbedingt nötig haben), wie sie Nutzer gewinnen und halten können, scheint der Community-Aspekt (inkl. einer community information-provision) ein ganz gut geeigneter Ansatz zu sein.

Berlin, 20.09.2006

Ben Kaden

Mi;Nesta/Marketing library services to the Net Generation

Mittwoch, 6. September 2006

Jia Mi; Frederick Nesta: Marketing library services to the Net Generation. In: Library Management; Vol. 27 No 6/7 2006, S. 411-422

- online -


„Finding the right way to achieve balance between traditional values and the expectations and habits of the wired generations will determine whether libraries remain relevant in the social, educational and personal contexts of the information age.“ (S. 419)


Die beiden Bibliothekare Jia Mi und Frederick Nesta beleuchten in ihrem Aufsatz „Marketing library services to the Net Generation” Möglichkeiten die so genannte „Net Generation“ über Methoden des Bibliotheksmarketings zu erreichen und betrachten dabei die Verschiebungen bei der Nutzung von Bibliothek und WWW-Suchmaschinen.

Als diese Generation gelten die Geburtsjahrgänge ab 1980, denen der Umgang mit Computern selbstverständlich und prägendes Element ist. Diese „Millenials“ stellen heute zunehmend den Anteil der Studierenden an Universitäten und sind entsprechend (potentielle) Nutzer der Universitätsbibliotheken.
Da sich aus dieser Studierendenkohorte auch der wissenschaftliche Nachwuchs der nächsten Jahre entwickeln wird, besitzen die Informationsnutzungsformen dieser Generation auch Relevanz vor dem Hintergrund der allgemeinen Wissenschaftskommunikation. Anders als die Vorgängergenerationen – und auch viele ihrer Professoren und Dozenten – sind sie ausgesprochen „tech savvy“, d.h. technikaffin im Bereich der Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, die das WWW bereitstellt. Sie kommunizieren vorwiegend – so die Autoren – über e.mail und Instant Messaging und auch für ihre Recherchen bevorzugen sie das Web gegenüber der Bibliothek.

Im Lernverhalten zeichnet sich diese Zielgruppe durch eine visuelle Orientierung gegenüber einer textuellen aus, bevorzugt das eigene Nachvollziehen gegenüber dem Auswendiglernen und erwartet – was man bei der Gestaltung von entsprechenden Diensten oder auch Lehrveranstaltungen beachten sollte – schnell Erfolgserlebnisse. Man kann demnach auch von einer gewissen Ungeduld mit einem ausgeprägten "Just-in-Time"-Anspruch ausgehen.

Das Bemerkenswerte im Verhältnis dieser Zielgruppe zur Bibliothek ist, dass die Bibliothek als Einrichtung zwar geschätzt aber nicht allzu gern genutzt wird. Diese webgeschulten Nutzer bleiben bei der Informationssuche zumeist direkt im Netz und dort vorwiegend bei Google. Dies sind – nicht nur hier – die beiden Pole der Betrachtung: die One-Stop-Search bei Google in einem kaum abschätzbaren virtuellen Datenkosmos und die Bestände und Zugangsangebote der Bibliotheken.

Das bequeme Recherchieren über den heimischen (bzw. Büro-,Universitäts-)Webzugang führt angesichts der steigenden Verfügbarkeit auch von Print-Inhalten (Stichwort: Google-Books) bei den Bibliotheken zu der nicht ganz unberechtigten Sorge, dass sie ihre Stellung als Kerninformationsversorger für die allgemeine Öffentlichkeit – was sie in Deutschland vielleicht auch gar nicht sind – und im akademischen Bereich – was sie auch in Deutschland sind – einbüßen. In der Terminologie des Marketing gesprochen: Die Bibliotheken verlieren Marktanteile. Immerhin haben – laut einer im Text zitierten OCLC-Erhebung – die allgemeinen Suchmaschinen mittlerweile in ihrer ca. 12jährigen Existenzgeschichte einen (leicht) höheren Wert an „Familiarity“ erreicht, als sie die seit Jahrhunderten existierenden Bibliotheken für sich beanspruchen können. Eine Ursache dafür sind nicht zuletzt – laut Francine Fialkoff, auf die Mi und Nesta verweisen – Marketingfehler.

Diese Feststellung aufgreifend versucht der vorliegende Aufsatz einige Hinweise zu geben, wobei hier einige Aspekte herausgegriffen und teilweise annotiert wiedergegeben werden.

Den Nutzer ins Zentrum

Schon lange ist im Marketingbereich bekannt, dass bei der Vermarktung weniger das Produkt und mehr der Kunde, im Fall der Bibliotheken der Nutzer, im Zentrum stehen muss. Hier liegt, so die Autoren, der Schlüssel zum Erfolg des Google-Prinzips. Die Suchmaschine verfolgt laut Eigenwerbung das Ziel „to organize the world’s information and make it universally accessible and useful“, welches die direkte Konkurrenz zu Bibliotheken aufzeigt.
Bibliotheken fokussieren jedoch traditionell weniger die extrahierte Information unabhängig vom Medium, sondern treten vielmehr als Sammler, Ordner und Erschließer von Medien in Erscheinung. Sie konzentrieren sich – übertragen gesprochen – im Angebot der Bücher in den Regalen und der Leseplätze auf den Verkauf, welcher darauf konzentriert ist, wie die Ware umgesetzt wird. Beim Marketing geht es dagegen darum, welche Ware der Kunde (in welcher Art und Weise) möchte. So gilt für Bibliotheken, dass Ausleihzahlen und die Menge der Nutzerausweise an Aussagekraft verlieren: „Marketing library services must then focus not on gate count or circulation figures as a success but on user satisfaction with library services.” (S.412)

Die Bibliothek als Marke

Es ist nicht überraschend, dass Bibliotheken als Markenzeichen nach wie vor das “Buch” haben. Dieses erhält seine Bedeutung sowohl als Objekt an sich wie auch als Speichermedium von Wissen oder Ideen. Meiner Meinung nach sollte dies auch als tradiertes Erkennungszeichen erhalten bleiben. Was sich ändern muss, sind die Dienste selbst und deren Vermittlung. Bei den Nutzern ist die Botschaft schon recht gut angekommen. Die OCLC-Studie Perceptions of Libraries and Information Resources aus dem Jahr 2005 zeigte jedenfalls, dass nur etwa ein Drittel der Befragten die Hauptaufgabe der Bibliothek beim Buch verortete, wogegen 52 % die Bibliothek als Information Provider sehen.
Darüber, ob die Ergebnisse in Deutschland ähnlich ausfallen würden, möchte ich an dieser Stelle nicht spekulieren. Für Mi und Nesta steht jedenfalls fest: „the library’s brand is not books, but information“ (S. 412), was für mich aber dennoch nicht gegen die Verwendung des Buches als Marken- und Marketingsymbol (und die Beibehaltung des Namens „Bibliothek“) spricht, da hier ein verhältnismäßig präziser Identifikationsgrad von Symbol und Gemeintem erreicht wird. Beispiele für die eindeutige graphischen Darstellung von „Information“, die an sich keinen gegenständlichen Ausdruck besitzt, sind mir dagegen Wenige bekannt.

Und auch die Autoren des Aufsatzes betonen – mit dem Vergleich Amazon und Barnes & Noble illustriert – den physischen/örtlichen Wert der Bibliothek, wobei die Rolle als Aufenthaltsort und Treffpunkt bzw. gemeinsamer Lernort sicherlich ein ausbaufähiges und die Bedeutung der Einrichtung potentiell förderndes Merkmal darstellt. Und letztlich ist die berühmte Serendipity, die beim Entlangstreifen an Regalreihen entsteht, eine ganz andere als beim Online-Browsen durch Produktlisten.

Für Universitätsbibliotheken gilt übrigens der nicht immer realisierte Aspekt, dass die Studierenden von diesen neben der Versorgung mit Fachinformation den Bibliotheksraum zusätzlich (oder auch ausschließlich) als sozialen Ort nutzen und eine Befriedigung auch ihres Bedürfnisses an „Alltagsinformation“ (z.B. die Tageszeitung) erwarten.

Die Vielfalt der Denk- und Lernstile und der sich wandelnde Markt

Mit einer Heterogenisierung der Lebensstile geht auch eine Vervielfältigung der Lern- und Arbeitsstile einher. Auch unterschiedliche Herkunftsformen führen zu unterschiedlichen Formen der Informationssuche und –rezeption. Die Autoren führen u.a. an, dass in China "book store visits“ für 15 % der Nutzer eine wichtige Rolle bei der Informationssuche und -rezeption spielen.

Dazu kommt mit dem Internet und seiner Entwicklung eine weitere Veränderung des akademischen Arbeitens: An vielen Punkten bietet sich einfach mehr Handlungsmöglichkeit bei der Recherche und zunehmend auch der Rezeption. Nach einer Untersuchung von Steve Jones und Camille Johnson-Yale aus dem Jahr 2005 verbringen 83% es Lehrpersonals an Colleges seit Einführung des Internets weniger Zeit in der Bibliothek. Auch hier verliert die Bibliothek Marktanteile. Als Resultat einer OCLC-Studie aus dem Jahr 2002 stand, dass für 79% der befragten Studierenden die Suchmaschine bei der Recherche für Hausarbeiten das First-Choice-Medium darstellt.
Und schließlich – um den Impact von Google noch einmal herauszustreichen - konnte Dean Giustini 2005 ermitteln, dass über Google Scholar sieben Mal so viele Besucher auf die Seite des British Medical Journal kamen, als über PubMed. (How Google is changing Medicine) Über “Google-Einfach” liegt die Zugriffsmenge übrigens beim 23fachen des PubMed-Anteils.

Angesichts von Google-Scholar und anderen neuen Produkten im Bereich der Suchmaschinen lässt sich ein Qualitätssprung feststellen und zwar sowohl bei den Suchmaschinen selbst wie auch bei der Qualität der erschlossenen und verfügbaren Quellen. Dabei erreicht man ein Quellenspektrum und z.B. in Gestalt kollaborativ erzeugter Dokumente Quellen, die so selten oder gar nicht in Bibliotheksbeständen zu finden sind.

Dieses, bzw. die große Menge elektronisch verfügbarer Dokumente, hat die Art und Weise der wissenschaftlichen Arbeit von Studierenden und Wissenschaftlern verändert.

„Unlike traditional research that relied in paper indexes, references, catalogues and notes, all with limited indexing terms, and produced papers that circulated slowly and narrowly, today’s researchers can search the full-text of millions pages of books and journals, current and ancient, and access library resources electronically and remotely. Equipped with PDA, laptop, iPod and digital camera, users can communicate by e-mail, download full text articles and produce work that may appear in print, in electronic format, or as multi-media format.” (S. 414f.)


Nicht nur die Recherchemöglichkeiten sondern auch die Produktionsmöglichkeiten von Dokumenten, sowie die Art der Dokumententypen erfahren demnach eine Pluralisierung. Zudem verkürzt das elektronische Publizieren den Zeitraum bis zur Veröffentlichung enorm. Die verlustfreie Duplikation von digitalen Dokumenten führt zu Verschiebungen im ökonomischen Umgang mit der „Ware“ Information: Nicht mehr der Informationsträger mit physischen Herstellungs- und Transaktionskosten steht im Mittelpunkt, sondern die Regulierung des Zugangs. Insofern ist es einleuchtend, dass die Autoren John Butt und Bart Harloe zitieren, die bereits 1997 meinten, dass die Bibliothek sich vom Bestandsaufbau verabschieden und zum Content Management hinwenden wird. Dabei spielt die Bereitstellung von so genannten „Non-Owned-Resources“ eine entscheidende Rolle.

Und genau an dieser Stelle sehen die Autoren das Vermittlungsproblem der Bibliotheken: Ihnen ist es bislang nicht gelungen, diese Facette ihrer Aktivitäten in ihr Selbstbild einheitlich und überzeugend zu integrieren, weshalb die Kommunikation dieses Aspekts häufig fehlläuft. Bei der Suche nach digitalen Inhalten ist nicht die Bibliothek sondern die Suchmaschine für viele Nutzer der „primary information provider“.

Dies gilt insbesondere für die „Generation Y“, also die Vertreter der „Net Generation“, die mit ihrem selbstverständlichen Umgang mit elektronischer Kommunikation und WWW neue Ansprüche mitbringen. Und genau diese Generation wird von den bestehenden Angeboten – auch Webangeboten – der Bibliotheken kaum erreicht.

Die OCLC-Studie zu „Perceptions of Library Resources..“ ergab, dass zwar 45% der Studierenden den Webseiten der Bibliotheken Relevanz für ihre Recherche zuschreiben, aber nur 2% ihre Recherche tatsächlich dort beginnen. Bibliotheken und ihre Angebote genießen an sich einen guten Ruf, gelten aber als zeit- und arbeitsaufwändig und verlieren daher gegenüber den Suchanbietern im WWW. Ökonomisch gesehen kostet die Arbeit in der Bibliothek vergleichsweise viel (Zeit und Aufwand), auch wenn sie in den Bereichen Verlässlichkeit und Präzision der Information gegenüber den Suchmaschinen als überlegen angesehen werden. Diese sind dagegen bequemer (convenience) und diese Bequemlichkeit und Schnelligkeit zählt bei der täglichen Informationssuche mehr als Qualität, was übrigens von Gerstenberger und Allen für Informationsangebote schon 1963 nachgewiesen wurde.

Library vs. Google

Eine Schwierigkeiten die Mi und Nesta sehen, sind die unterschiedlichen Ansprüche von Studierenden der Net Generation und Bibliothekaren. Überspitzt gesagt kann man vom Aufeinandertreffen eines bibliozentrischen und eines webozentrischen Weltbildes sprechen: die Studierenden sehen im Web ein Informations-Universum, in dem es irgendwo alles gibt was sie suchen. Die Bibliothekare dagegen sehen in der Bibliothek das Zentrum einer geordneten Wissensstruktur und der alle Quellen exakt geordnet und erfasst sind. Dem enträumlichten digitalen Universum tritt die „location“ entgegen: der Platz im System. Dies schlägt sich auch auf den Webseiten der Bibliotheken nieder, auf denen zwischen eigenen Beständen („owned material“) und externen Quellen, für die der Zugang gestellt wird, unterschieden.
Die Net Generation bevorzugt allerdings die Globalsuche: sie interessiert nicht, ob die gewünschte Information aus einer Quelle der eigenen Universitätsbibliothek oder von einem entfernten Server stammt. Zudem gelten Bibliotheken mit ihrer klassifikatorischen Erschließung als zu kompliziert und autoritär, manchmal – so die Autoren – auch einfach nicht als „cool“ gestaltet d.h. z.T. als Modell als unzeitgemäß. An dieser Stelle ist zusätzlich allgemeine Imagearbeit notwendig.


Was können die Bibliotheken tun?

Es besteht Konsens darüber, dass die Nutzer eine nahtlose One-Stop-Suche über alle Bestände und externen Zugänge bevorzugen. Idealerweise kann der Recherchierende diese dann selbst wieder nach bestimmten Kriterien einschränken. Allerdings empfiehlt es sich nicht, eine „super-Google application“ oder eine andere Art von Google-Konkurenz entwickeln zu wollen.

Die Bibliotheken müssen andere Lösungen finden, wobei die Chancen nicht so schlecht stehen, denn nach wie vor werden sie von ihren Zielgruppen genutzt. Die Bibliotheksnutzung in den USA nimmt laut einer ALA-Studie sogar zu: 2005 benutzten dort zwei Drittel der Personen mit einem Alter über 18 Jahren eine Bibliothek – 30 Jahre zuvor waren es weniger als ein Viertel. Die Ursache dafür liegt in einem allgemein gestiegenden Informationsbedürfnis und Informationskonsum. Die Nutzungsformen WWW und Bibliothek schließen sich dabei nicht aus, sondern können im Idealfall als Ergänzung zueinander stehen.

Dies gilt es für die Bibliotheken zu fördern: Sie müssen die Informationskonsumenten aktiv ansprechen und diesen auf deren Bedürfnisse zugeschnittene Dienstleistungen bieten.

Bei der Gestaltung von Webangeboten sind die Bibliotheken bislang zu stark auf den Bestand (sowie die Darstellung desselben) und zu wenig auf Aspekte wie die Navigation orientiert. Das Wie, mit denen die Nutzer zu den gewünschten Informationen kommen, gilt es anzupassen. Die Internet-Suchmaschinen und andere WWW-Angebote und die dort üblichen Nutzungsformen und Suchstrategien sollten in das Angebot der Bibliotheken eingebunden werden.

Häufig anzutreffende und mit großem Aufwand erstellte Subject Guidesverfehlen häufig die avisierte Zielgruppe. Eine pragmatischer Anbindung z.B. in elektronische Lernplattformen (Course Guides in Course Management Systemen) ist hier für Universitäten die bessere Variante. Auch typische Merkmale des Web 2.ß, wie das Blog-Prinzip und besonders RSS, werden von den Autoren als Bestandteil von Bibliotheksangeboten im Web empfohlen.

Neben der Funktionalität gilt es auch, die visuelle und interaktive Gestaltung des Angebotes stärker mit den Nutzerbedürfnissen abzugleichen – die Net Generation bevorzugt, entgegen dem Bestreben vieler eher textorientierter Angebote wissenschaftlicher Bibliotheken – graphisch ausgestaltete WWW-Oberflächen.

Nachdem die Bedürfnisse der Nutzer evaluiert sind, gilt es die visuelle und interaktive Gestaltung der Bibliothekswebseiten anzupassen. Mehr Visualisierung! Für die Net Generation

Das steht im Widerspruch zu dem Bestreben wissenschaftlicher Bibliotheken, ihre Seiten möglichst wenig graphisch zu gestalten. Als Beispiel wird z.B. EBSCOs Visual Search genannt.

Und schließlich: Das traditionelle Bibliotheksgebäude war auf die Sammlung ausgerichtet und der Nutzer musste sich dem anpassen. Heute scheint sich der Trend umzukehren. Bibliotheksraum soll flexibel sein mit verschiedenen möglichen Raumnutzungsformen, die auf verschiedene Lerntypen zugeschnitten sind. (Gruppenarbeit, Einzelarbeitsplätze, bequeme Lesenischen, Diskussionsräume, Cafe, längere Arbeitszeiten)


Fazit

Am Ende steht also die (nicht ganz neue, aber hier noch einmal verdeutlichte) Erkenntnis, dass die Bibliotheken, sofern sie im WWW-Zeitalter gegen die Suchmaschinen-Konkurrenz auf Augenhöhe bestehen wollen, stärker nutzer- und zugangszentrierter und weniger sammlungsorientiert arbeiten müssen. Dabei gilt es Google und andere Suchmaschinen nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu begreifen. Um dies überzeugend zu können, müssen die Bibliotheken ihre Vorteile ausbauen bzw. neue Dienstleistungsformen entwickeln, die der Informationssuche und –rezeption der „Net-Generation“ angemessen ist.
Solches lässt sich selbstverständlich auch als Aufgabenfeld einer Bibliothekswissenschaft sehen, die einerseits die Pluralisierung informationelle Handlungsvielfalt erfasst und andererseits Leitlinien für eine angemessene Abstimmung bibliothekarischer Angebote entwickelt. Da dies ein Rückkopplungsprozess ist, der aber mit Google bzw. den Suchmaschinen sowie den boomenden Web 2.0-Applikationen weitere innovative Akteure in die Nutzer-Bibliothek-Beziehung einbindet, bieten sich hier potentiell Gestaltungsmöglichkeiten, wobei die Innovationskraft der finanziell und personell zumeist besser ausgestatteten kommerziellen Angebote vermutlich als höher zu bewerten ist. Aber wenigstens beim Entwickeln von kreativen Lösungen, also als Think Tank, könnten Bibliotheken und Bibliothekswissenschaft wirksam sein - dies nicht zuletzt um die eigene Position zu stärken.


Berlin, 06.09.2006

Ben Kaden

Petras/Translating Dialects in Search...

Donnerstag, 3. August 2006

Petras, V.: Translating Dialects in Search: Mapping between Specialized Languages of Discourse and Documentary Languages. Dissertation at Graduate Division of the University of California, Berkeley (2006)
http://www.sims.berkeley.edu/~vivienp/diss/

Der Referent darf und will nicht verschweigen, dass die Autorin einst studentische Hilfskraft bei ihm war und schon in dieser Zeit mit M. Bank eine durchaus bemerkenswerte Korrektur[1] der bekannten Arbeit von Giles und Lawrence (in Science, April 1998) publiziert hat.

INSPEC hat eigentlich keinen Thesaurus sondern eher eine Klassifikation.[2] Die „Deskriptoren“ sind in ihrer Begrifflichkeit zu breit für einen typischen Thesaurus, so dass im Durchschnitt auch nur 7 „Deskriptoren" vergeben werden (S.130 bzw. 230).[3] Bei 450.000 Records/J ist das nicht viel. Daran erkennt man, dass die Indexierungsbreite und die Indexierungsspezifität in der Weise miteinander korrespondieren, dass mit wachsender begrifflicher Breite der Deskriptoren bzw. der Klassen die Indexierungsbreite zwangsläufig abnehmen muss.[4] Je größer die Zahl der Dokumente ist, um so höher muss auch die Indexierungsbreite sein. Darin liegt ja der eigentliche Grund für das Entstehen der Dokumentation im letzten Jahrhundert. Wenn beispielsweise 427.340 Records durch 8.447 verschiedene INSPEC Deskriptoren erschlossen werden (S.129), erbringt jeder dieser Deskriptoren durchschnittlich 50 Treffer. Bei 7 Deskriptoren/Record sind es Ø 350 Hits.

Interessant sind auch die VENN-Diagramme (S. 137, 138, 142, 143, 186), da man auf sie einen einfachen wahrscheinlichkeitstheoretischen Test anwenden kann,[5] der z.B. deutlich zeigt, dass in der Physikdatenbank INSPEC, Worte wie Computers und Physics in der natürlichen Sprache der Dokumente deutlich seltener als bei einer Zufallsverteilung gemeinsam vorkommen,



Physics = 0,33 + 0,04 + 0,20 + 0,13 = 0,70
Computers = 0,13 + 0,04 + 0,20 + 0,13 = 0,50
Physics ∩ Computers = 0,04 + 0,20 = 0,24
0,70 x 0,50 / 0,24 = 1,46

während die Indexer diese scheinbare Zufälligkeit wieder herstellen.

Physics = 0,09 + 0,02 + 0,62 + 0,15 = 0,88
Computers = 0,01 + 0,02 + 0,62 + 0,08 = 0,73
Physics ∩ Computers = 0,02 + 0,62 = 0,64
0,88 x 0,73 / 0,64 = 1,00

Im Prinzip geht es bei der Arbeit um den Einsatz von „search term recommenders“ und das Verhältnis der Recall Ratio zur Precision. Dabei zeigt sich, dass die alte Erkenntnis von F. Lancaster (vor ~40 Jahren an MEDLARS gewonnen) bis heute noch sehr stabil ist, bei der sich das Verhältnis zwischen Precision und Recall als etwa linear erweist. Im Bereich von 20% - 60% Recall Ratio beträgt die Steigung meist etwas weniger als -1. Mit zunehmendem Recall fällt somit die Precision direkt proportional. Dieser Umstand ist insofern besonders bemerkenswert, weil er in erster Näherung besagt, dass professionelle Rechercheure seit Jahrzehnten das Optimum anstreben, bei dem etwa 50% Recall auch 50% Precision gegenüberstehen. Auch bei Volltextrecherchen hat sich daran kaum etwas geändert, obwohl die Recall Ratio dort nicht selten auf siebzig oder achtzig Prozent erhöht werden kann. Dabei fällt aber die Precision oft auf störend kleine Werte ab, wenn man nicht sehr lang und intensive recherchiert.

Nach Jahrzehnten Erfahrung (von den Cranfield Studies vor vierzig Jahren bis heute) lässt sich erkennen, dass das Verhältnis von Recall und Precision weniger ein Zeichen für die Güte einer Datenbank ist, als vielmehr ein Optimum das Rechercheure grundsätzlich anstreben. Sie wissen, dass sie sich dann etwa im Optimum befinden, wenn jedes zweite Dokument das sie in der Recherche herausfiltern relevant ist, und wenn sie feststellen, dass sie etwa jedes zweite Dokument das auf dem recherchierten Gebiet relevant ist, gefunden haben. Dieses Optimum ließ sich bei MEDLARS erfahrungsgemäß annähernd erreichen, unterliegt aber selbstverständlich erheblichen Streuungen. Wiederholte Vergleiche haben gezeigt, dass die Recall Ratio einer Datenbank um 40% pendelt. Durch einen guten Thesaurus verbessert sich dieser Wert bemerkenswerter Weise nicht. Er verringern lediglich die Schwankungen. Dies wird durch das oben erwähnte Ergebnis neu belegt.

In den Grafiken der vorliegenden Arbeit liegen die Recall-Werte bei einer Precision von rund 50% meist erheblich unter 40%. Bei INSPEC (S.157) beispielsweise sogar weit unter 10%, da erhöhte Recall Ratios nur bei entsprechend hoher Indexierungsbreite (im Extremfall beim Volltext) erreichbar sind. Die Ergebnisse zeigen daher auch, dass es die Aufgabe eines search term recommenders sein muss, stärker auf die Precision als auf die Recall Ratio zu achten, da Endnutzer ein System eher als positiv bewerten, das ihnen von 100 Treffern 50 Relevante erbringt, als solche, die von 100 Treffern nur einen relevanten bzw. alle hundert relevante herausfiltern. Im letzten Fall hätte man zwar als Endnutzer das Gefühl sehr viel relevante Information bekommen zu haben, wüsste aber nicht, wie viel weitere Treffer möglich gewesen wären, da das Umfeld (mit ähnlichen aber nichtrelevanten Treffern) zum Vergleich fehlt.

Der Einsatz eines leistungsfähigen search term recommenders zeigt sehr schön, dass auch er mit wachsender Leistungsfähigkeit das Verhältnis zwischen Precision und Recall gegen -1 führt, wobei der Schnittpunkt mit der y-Achse (Precision) möglichst hoch sein sollte. Eine geringere Steigung würde zwar bei leichtem Precision-Verlust zu rascherem Anstieg der Recall Ratio führen, aber dies auf niedrigem Niveau (S.237).

(W. Umstätter)

[1] Petras, V. und Bank, M.: Vergleich der Suchmaschinen AltaVista und HotBot bezüglich Treffermengen und Aktualität. nfd 98 (6) (1998)
[2] http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/pub35.html
[3] 50% der Dokumente haben nur 2-6 Deskriptoren
[4] http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/pub65.html
[5] Umstätter, W. und Rehm, M.: Einführung in die Literaturdokumentation und Informationsvermittlung. Saur. Verl. München S.8-10 (1981) http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/infopub/textbook/definitions/d43.html

Wencel/Telefonie in konvergenten Netzen..

Donnerstag, 27. Juli 2006

Wencel, K.: Telefonie in konvergenten Netzen ist besonders gefährdet. In: iwp 57 (4) S.231-233 (2006)

Wer noch nichts über Pharming, Phreaking, Phishing,Spit, Clipping, DoS oder Voice-Bombing gehört hat, erfährt hier, dass er IDS, bzw. das SRTP (Secure Realtime Transport Protocol) von Siemens braucht. Ob diese Aussage einer Reklame, oder der Veritologie entsprechend, ein Faktum ist, wird sich noch erweisen müssen. Wobei in der Wissenschaft schon seit langem Veritologie auf lange Sicht die beste Reklame ist. Messinstrumente, Reagenzien oder auch Medikamente verkaufen sich, wenn wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sie eindeutig am präzisesten, zuverlässigsten oder am wirksamsten sind. (W. Umstätter)

Nacke/Veritologie...

Donnerstag, 27. Juli 2006

Nacke, O.: Veritologie – Wahrheitskunde: ein neuer Name für eine neue Disziplin. In: iwp 57 (4) S.226-229 (2006)

Veritologie ist eine neue Wissenschaft, wenn die herkömmliche Wissenschaft es aufgegeben hat, rücksichtslos nach Wahrheit zu suchen, weil immer mehr Wissenschaftler, oder besser gesagt Pseudowissenschaftler, sich gezwungen sehen, das zu publizieren, was man von ihnen erwartet, im Gegensatz zu dem was sie als „Wahrheit“ erkennen. Dabei steigt das Interesse der lobbyistischen Finanziers an bestechlichen Pseudowissenschaftlern mit dem zunehmenden Gewicht der Wissenschaft bei allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsfindungen. Dies ist somit zweifellos ein wachsendes Problem, das dazu führt, dass man unter Stichworten wie fraud in science oder Wissenschaftsbetrug bei Recherchen zunehmend Treffer erzielt.

Nacke zählt 10 „Definitionen des Begriffs ’Wahrheit’“ auf. Sie kommen aus verschiedenen Kontexten und sind damit verschiedene Aspekte des Gesamtproblems, wobei die Feststellung, dass Wahrheit die „Übereinstimmung der Erkenntnis mit der objektiv-realen Wirklichkeit“ ist, den Kern wohl am ehesten trifft, denn das ist es, was eine wissenschaftliche Theorie leisten muss. Im Gegensatz zu dem oft zu hörenden Satz, „Das mag in der Theorie so sein, in der Praxis ist das ganz anders.“, handelt es sich bei dieser Aussage um eine Hypothese, die sich eben nicht verifizieren lässt, also auch nicht der Veritologie unterläge.

Der Beitrag Nackes wirft also damit die Frage auf, ob die herkömmliche Wissenschaft sich als Veritologie erneuern muss, oder, und auch das wäre denkbar, dass moderne Dokumentation sich als Veritologie versteht, die Widersprüche, Betrügereien oder einfache Fehler aufdecken hilft. Eine der wichtigsten Aufgaben der Dokumentation in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts war z.B. Doppelarbeit zu verhindern. Die Aufgabe, die Produktion von Unsinn bzw. Unwahrheit zu minimieren, ist noch immer eine klassisch bibliothekarische bzw. dokumentarische. Im allgemeinen geschah und geschieht dies in Bibliotheken und Dokumentationen schon dadurch, das vergleichbare, widersprüchliche oder auch sich ergänzende Publikationen so zusammengestellt werden, dass die Benutzer dieser Systeme sich selbst ein fundiertes Urteil bilden können. Nackes Aufruf, es wäre wünschenswert, wenn die Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis der Veritologie einen angemessenen Platz einräumen würde, ist somit durchaus bedenkenswert. (W. Umstätter)